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Die Quelle

Die Quelle

Florian Russi

Immer wieder schwirrte die Melodie durch seinen Kopf. Den Text hatte er nicht im Gedächtnis behalten. Es war ein Liebeslied und handelte von einem Jäger, der in den Wald ging und die Tiere danach fragte, ob sie das von ihm geliebte Mädchen gesehen hätten. Die es sang, war Nicole, die Tochter eines Försters irgendwo im Thüringer Wald.
An einem sonnigen Pfingsttag war Manfred ohne bestimmtes Ziel mit dem Auto von Bayern nach Thüringen gefahren. Die Grenze war erst kurze Zeit vorher geöffnet worden. Er hatte dies, nutzen wollen, war zufälligen Eingebungen gefolgt und hatte nicht auf Schilder und Wegweiser geachtet. Nach mehreren Stunden Fahrt durch den Thüringer Wald harre er irgendwo unter einer Eiche seinen Wagen abgestellt und war zu Fuß einem Waldweg gefolgt, als er plötzlich den Klang einer Mädchenstimme hörte.
Nicole wippte auf einer Schaukel, die sie aus den Ästen zweier nebeneinander ste­hender Bäume zusammengebunden hatte. Sie war etwa vierzehn Jahre alt. Ihre langen blonden Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sie war barfuss, die schlanken, von der Sonne gebräunten Beine und die edlen Gesichtszüge des Mäd­chens waren schön wie ihre Stimme und das Lied, das sie sang.
»Wohin gehst du?« fragte sie Manfred, als er näher gekommen war.
»Ich weiß es nicht«, antwortete der. »Eine unbestimmte Neugierde hat mich hierher geführt. Ich kann dir nicht sagen, was oder ob ich etwas suche. Ich bin wie ein Welpe, der plötzlich sehend wird und die Gegend erkunden will, die sich vor ihm aufgetan hat. Wohin fuhrt der Weg, auf dem ich mich befinde?«
»Zum Haus meiner Eltern. Mein Vater ist Förster, zur Zeit aber nicht zu Hause. - Wenn du durstig bist, kann ich dich zur Quelle führen, die sich gleich in der Nähe be­findet. Aus ihr sprudelt das klarste Wasser, das du weit und breit finden kannst.«
»Dann bringe mich bitte dorthin«, bat er.
Als sie von der Schaukel hinabgestiegen war, kam ein Hund zu dir gelaufen, der of­fenbar bisher in der Umgebung gestöbert hatte und Nicole nun mit heftigem Schweif­wedeln begrüßte.
»Das ist Moritz und ich bin Nicole«, stellte das Mädchen ihren Hund und sich selbst vor.
»Und ich heiße Manfred«, antwortete er und dachte dabei, wie schon die Kenntnis ihrer Namen ein zutrauliches Verhältnis zwischen ihnen zu begründen begann.
Nicole führte Manfred zu einer nahe gelegenen Lichtung. Dort, zwischen im Halb­kreis postierten Steinen, entsprang eine Quelle, die so viel Wasser mit sich führte, dass sich daraus ein kleiner Bach gebildet hatte. Nicole kniete nieder, ließ von dem Quell­wasser etwas in ihre hohle Hand laufen und trank dann vor Manfreds Augen davon, als wollte sie ihm beweisen, dass er ohne Bedenken das Gleiche tun könne.
Manfred tat es ihr nach, kühlte sein Gesicht und trank wieder und wieder, er war durstig und das Wasser klar und erfrischend.
Währenddessen setzte sich Nicole auf einen der umliegenden Steine, begann wie­der leise zu singen, nahm ein Holzstück zur Hand und ritzte damit Figuren und Zei­chen in den Erdboden. Dabei schaute sie Manfred fragend an. Sie schien eine Reaktion von ihm zu erwarten. Währenddessen schnüffelte Moritz interessiert an ihren nackten Fußsohlen. Mit witternder Nase wollte er kontrollieren, wo sie sich zuletzt aufgehal­ten hatte.
»Was beschäftigt dich?«, fragte Manfred und setzte sich dem Mädchen gegenüber.
»Mein Vater ist heute morgen in die Stadt gefahren, um der Polizei einen Mordfall zu melden«, antwortete sie. »Vor drei Monaten kam ein Mann zu uns und fragte, ob mein Vater ihn als Waldarbeiter beschäftigen könne. Er bot sich an, bis zu seiner end­gültigen Anstellung ohne Lohn zu arbeiten, wenn wir ihm nur etwas zu essen geben und ihm eine Schlafstelle in einem Geräteschuppen zur Verfügung stellen könnten. Der Mann erzählte, dass seine Frau und seine Kinder ihn verstoßen hätten und er des­halb eine neue Bleibe suchen müsse. Auch legte er Zeugnisse vor. Mein Vater sah kei­nen Grund, ihm nicht zu helfen. Die Zeugnisse waren auf den Namen Herbert Bock­mann ausgestellt, wir sagten Herbi zu ihm. Inzwischen sind meine Eltern nicht mehr sicher, ob die Dokumente echt waren oder ob Herbie sie vielleicht jemand anderem gestohlen hatte. Drei Monate hat er bei uns gearbeitet. Jeden Tag versprach er, sich bei der Forstverwaltung vorzustellen und sich ein Antragsformular geben zu lassen, damit mein Vater ihn auch offiziell beschäftigen könne.
Herbi war fleißig, immer sehr höflich, er redete nicht viel. Mein Vater war zufrieden mit ihm, doch fand Herbi ständig neue Ausflüchte, warum er noch nicht beim Forst­amt vorgesprochen hatte. Vor drei Tagen kam er dann nicht mehr zur Arbeit, und heute in der Frühe haben Moritz und mein Vater ihn tot unter einer Buche liegend auf­gefunden. Irgendjemand hat ihn erschlagen. Wir haben keine Vorstellung, wer es ge­wesen sein könnte. Niemand darf einen anderen Menschen töten«, fuhr sie fort. »Dazu braucht es kein Gesetz und keine Verbote. Man tut es nicht, genau so wie man nicht rückwärts läuft oder Eisenstangen isst. Erkläre du mir, warum jemand es dennoch getan und den armen Herbi, der immer sanft und freundlich war, so grausam ermor­det hat.«
»Vielleicht hat jemand aus seiner Familie, die er verlassen hatte, ihn so sehr gehasst, dass er ...«
»Nein«, widersprach das Mädchen entschieden. »Es gibt keinen Grund, einem an­deren Menschen sein Leben zu nehmen.« Nicole hatte nun Tränen in den Augen, und Manfred bot ihr ein Papiertaschentuch an. Sie nahm es und schien gleichzeitig ent­täuscht darüber, dass er ihr keine befriedigende Antwort gegeben hatte.

»Sicherlich kannst du mir auch schönere Begebenheiten aus deinem Leben erzäh­len«, meinte er, um sie abzulenken. »Als kleiner Junge habe ich davon geträumt, sowie dein Vater Förster zu werden und in einem Wald wie diesem leben zu können.«
»Wir wohnen in einem großen Haus«, antwortete Nicole, »aber wir sind dort nicht allein. Im Erdgeschoss befinden sich Ställe für Kühe, Schweine, Schafe und Ziegen, Hinter dem Haus beginnt eine große Weide, die Tiere gehen und kommen, wann sie wollen. Im ersten Stock leben meine Eltern und ich mit Moritz und Klausi, unserem Wellensittich. Unterm Dach haben sich Spatzen, Eulen, Tauben und ein Turmfalke eingerichtet. Jeder hält sich an den Hausfrieden und alle sind glücklich.«
»Was geschieht aber, wenn aus dieser illustren Wohngemeinschaft jemand krank wird oder sich verletzt?« fragte Manfred.
»Meine Mutter ist Tierärztin«, antwortete Nicole. »Sie kümmert sich um alle, die Hilfe brauchen. Auch meinen Vater und mich versorgt sie mit Kräutern und Tees, die sie selber zusammenbraut. Uns geht’s gut. Früher hat uns mein Onkel, der in Canada wohnt und sehr reich ist, jeden Monat ein riesiges Paket geschickt. Ich bekam so viele Spielsachen, dass ich auch meine Freundinnen damit beschenken konnte, ln jedem Paket war mindestens eine Puppe, ein Teddybär oder ein anderes Plüschtier. Mein Zim­mer ist voll davon.«
»Möchtest du auch einmal Tierärztin werden, wie deine Mutter?« fragte Manfred. Es war ihm wichtig, das Gespräch fortzusetzen. Nicoles Stimme und ihre Erscheinung fesselten ihn. Er hätte ihr lange noch zuhören mögen.
»Mein Vater hat aus seiner ersten Ehe einen Sohn, meinen Bruder Wolfgang. Der ist ein erfolgreicher Pianist. In vielen Städten, so neulich in New York, gibt er vor inter­nationalem Publikum Konzerte. Er möchte, dass auch ich Pianistin werde, tun dann mit mir gemeinsam auftreten zu können. Doch ich weiß nicht, ob ich ihm den Gefal­len tun soll. Zwar nehme ich seit fünf Jahren Klavierunterricht, doch will ich nicht jeden Tag fünf Stunden üben müssen. Außerdem interessiere ich mich sehr für die Natur und könnte mir vorstellen, einmal im Umweltschutz zu arbeiten. Auch hat mich eine Freundin für Computerspiele und die elektronische Datenverarbeitung begeistert. Ich will mich daher noch nicht auf einen Beruf festlegen.«
»Du bist ein hübsches und sympathisches Mädchen«, erwiderte er. »Sicher wirst du deinen Weg gehen.«
»Ein ungarischer Adliger hat sich in mich verliebt. Zoltan heißt er und ist fünfund­zwanzig Jahre alt. Seit es die Kommunisten nicht mehr gibt, ist er wieder ein großer Landbesitzer geworden. Mein Vater hat ihn kennen gelernt, als er in Ungarn zur Jagd war. Dabei hat er Zoltan ein Foto von mir gezeigt, und ich habe ihm sofort gefallen. Im nächsten Sommer will er uns besuchen und mich näher kennen lernen. Eigentlich mache ich mir nichts aus älteren Männern, doch möchte ich ihn und meinen Vater nicht enttäuschen. Ich werde den kommenden Sommer abwarten. Ein Foto von Zoltan steht auf meinem Nachttisch. Er ist ein sehr gut aussehender Mann.«
Manfred dachte bei sieb, wie er wohl in den Augen einer Vierzehnjährigen aussehe. Doch unterließ er es, sie danach zu fragen. Stattdessen trank er noch einmal aus der Quelle. »Es wird nicht mehr lange dauern, bis es Abend und dunkel wird«, sagte er schließlich. »Dann möchte ich nicht durch einen mir unbekannten Waid laufen und mich auch nicht vor einem Mörder fürchten müssen, der sich vielleicht noch darin her­umtreibt. Auch du solltest dich nicht zu weit von deinem Elternhaus entfernen, solange man den Täter nicht gefasst hat.« Er bot ihr an, sie nach Hause zu begleiten. Nicole aber sprang auf, sagte, dass sie noch ihre Tiere futtern müsse, warf ihm einen Gruß und einen freundlichen Blick zu und war kurz darauf mit Moritz hinter Bäumen ver­schwunden.
Sieben Jahre waren seit dieser Begegnung vergangen. Vielleicht hätte Manfred sie längst vergessen, wenn die eingängige Melodie des Liebesliedes ihm nicht immer wie­der durch den Kopf gegangen wäre. Jetzt saß er in einem künstlich belüfteten Konfe­renzraum unter Kollegen, die wie er Anzug und Krawatte trugen und endlose Anspra­chen hielten. Keiner glaubte es sich leisten zu können, auf einen eigenen Redebeitrag zu verzichten. Jeder nahm auf seine Vorredner Bezug und wiederholte langatmig vie­les vom zuvor schon mehrfach Gesagten.
Ein Kellner brachte Manfred eine Flasche mit Wasser, das teuer war, einen klang­vollen Namen hatte und aus der Leitung irgendeines kommunalen Wasserwerks stammte. Da musste Manfred an die Quelle denken, zu der Nicole, die Försterstochter, ihn geführt hatte.
Er wollte noch einmal daraus trinken, und er wollte das Mädchen Wiedersehen, das inzwischen mehr als zwanzig Jahre alt sein musste, vielleicht schon verheiratet, viel­leicht auch nur verliebt war, vielleicht schon Kinder hatte. Er wünschte sich, mir ihr reden zu können, noch einmal ihre klare und so angenehme Stimme zu hören. Dazu wollte er erfahren, ob man den Mörder Herbis, des Waldarbeiters, gefasst hätte und ob im Forsthaus noch alle Tiere und Menschen im Einklang miteinander lebten. Auch er­tappte er sich dabei, dass er eifersüchtig war auf Zoltan, einen ihm fremden ungari­schen Edelmann.
Also machte er sich auf, um in den Thüringer Wald zu fahren und nach dem Weg zu suchen, auf dem er Nicole sieben Jahre zuvor begegnet war. Er versuchte sich zu erin­nern, fuhr ungezählte Straßen und Seitenwege, forderte wie damals zufällige Einge­bungen heraus und fragte Passanten nach einer markanten Eiche, die zu Beginn eines Waldweges stand. Er studierte Landkarten und suchte eine Quelle eingezeichnet zu finden, welche diejenige hätte sein können, an der er mit dem Mädchen gesessen hatte. Auch erkundigte er sich in Rathäusern und Polizeistationen nach einer Försterstocher mit Namen Nicole, nach einem Förster, der mit einer Tierärztin verheiratet, nach dem Ort, an dem ein Waldarbeiter ermordet aufgefunden worden war, und nach einem Forsthaus, in dem Menschen und Tiere friedlich zusammen wohnten. Niemand konnte ihm die gewünschte Auskunft geben. Enttäuscht lind traurig stellte er die Suche ein. Allein die Melodie des Liebesliedes ist ihm gegenwärtig geblieben.

*****
Text: entnommen aus dem Buch "Der Drachenprinz" von Florian Russi, ISBN: 3-937601-08-2; Bertuch Verlag GmbH Weimar; 2004
Teaserfoto: Pixabay - Freie kommerzielle Nutzung, Kein Bildnachweis nötig; Urheber:
moni08