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„Sind Sie sicher, dass Sie hierher wollten?"
Aus dem Seitenfenster des Taxis sah sie eine mit Graffiti besprühte Hauswand, die in der Nachmittagssonne schmutzig-silbern glänzte...
Der Paulinenturm bei Bad Berka

Der Paulinenturm bei Bad Berka

Sven Evertz

26 Meter überragt der Paulinenturm den 416 m hohen Adelsberg, den Hausberg des Kurstädtchens Bad Berka im Weimarer Land. Er wurde 1884 errichtet und trägt den Namen der Erb-Großherzogin Pauline von Sachsen-Weimar-Eisenach (1852 - 1904). Wer die 143 Treppenstufen zur Aussichtsplattform nicht scheut, dem bietet sich bei geeignetem Wetter ein herrlicher Rundblick. Ein vom genialen Thüringer Unternehmer Carl Zeiss (1816 - 1888) gestiftetes Fernrohr kann ihm dabei helfen.

Das Sichtfeld reicht von den Bergen um das mittlere Saaletal über die Klassikerstadt Weimar, den Ettersberg, den mit 1000 m höchsten Thüringer Berg, den Inselsberg, bis weit in die Landschaften des Thüringer Waldes.

Florian Russi gab dem Paulinenturm in dichterischer Freiheit einen Vorläufer. In seinem Buch "Der Drachenprinz - Geschichten aus der Mitte Deutschlands" lässt er dort die folgende Episode spielen:

Die großen deutschen Dichter Schiller und Goethe, deren gemeinsames Denkmal auf dem Platz vor dem Nationaltheater in Weimar steht, waren zu ihren Lebzeiten häufig Gäste auf Schloss Oberkochberg, das der Familie von Stein gehörte. Einmal planten sie dort einen längeren Aufenthalt und schickten zur Vorbereitung zwei ihrer Diener vor.

Leo, so hieß Goethes Diener, und Josef, der im Dienste von Schiller stand, wanderten deshalb den Weg entlang, der heute Goethe-Wanderweg heißt. Etwas oberhalb des Städtchens Bad Berka gelangten sie zu dem Turm, der heute Paulinenturm genannt wird. Sie beschlossen, zur Turmspitze hoch zu steigen, um von dort aus die schöne Aussicht zu genießen und ein Frühstück einzunehmen.

Das Tor, das zum Turm führte, war eng. Deshalb sagte Leo zu Josef: „Du wirst verstehen, dass ich als erster eintrete und die Treppen vor dir hinaufsteige, bin ich doch Goethes Vertrauter, und mein Herr ist der bedeutendste Dichter der deutschen Sprache." „Da irrst du", erwiderte Josef, „mein Herr, Friedrich Schiller, ist viel größer als deiner. Spätere Generationen werden immer den Namen meines Herrn vor dem von Goethe nennen. Also steht es mir zu, als erster den Turm zu betreten."

Schon gerieten sie miteinander in Streit. In ihrer Eifersucht hielten sie sich gegenseitig fest, so dass keiner von beiden die Eingangstür passieren konnte. Da stieß zufällig der dritte große Dichter der Weimarer Klassik, Wieland, zu ihnen und fragte sie, was sie zu zanken hätten. „Josef will mich nicht als erster den Turm besteigen lassen, weil er meint, dass sein Herr bedeutender sei als der meine. Ihr könnt als Fachmann doch bestätigen, dass mein Herr Goethe der größere von beiden ist."

„Was seid ihr für Dummköpfe!", antwortete Wieland. „Wer will ein solches Urteil fällen und wem würde es nützen? Schiller hat uns 'Die Räuber', 'Don Carlos' und große Dramen geschenkt, Goethe den ‚Faust' und den  ‚Tasso'. Schiller schrieb großartige Balladen wie  ‚Die Glocke' und ‚Die Kraniche des lbikus'. Wer aber will deswegen auf Goethes Gedichte, auf ‚Willkommen und Abschied' oder auf ‚Ganymed' verzichten? Beide sind für uns unersetzlich, sie haben die deutsche Sprache und Literatur reich gemacht. Also führt keinen albernen Streit und folgt mir auf die Spitze des Turms. Von dort kann man einen herrlichen Blick über das Ilmtal genießen. Merkt euch aber eins: Der Klügere lässt immer dem anderen den Vortritt!" Sprachs, stieß das Tor auf und stieg die Treppen zur Turmspitze hinauf. Als angelangt war und hinunterschaute, stellte er fest, dass Leo und Josef immer  noch vor dem Tor standen. „Was ist mit euch?", rief ihnen Wieland zu. „Warum folgt ihr mir nicht?"

Die beiden stritten schon wieder. Einer forderte den anderen auf, als erster den Turm zu betreten. Jeder wollte der Klügere sein.

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Fotos: Rita Dadder

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