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Elisabeth Kantzenbach: Alias Umrisse des Lebensbildes von Nelly Dix-Thaesler genannt Nelly Alias Dix (1923-1955)
Elisabeth Kantzenbach hat das kurze Leben der Künstlerin Nelly Dix, Tochter von Otto Dix, ausführlich recherchiert und spannend aufgearbeitet.

Nelly Dix-Thaesler

Elisabeth Kantzenbach

Verblüffend geistreich und zugleich witzig beschrieb sich die 21-jährige Nelly Dix in einem Brief an ihren Lateinlehrer als „Frauenzimmer". Sie präsentierte sich gegenüber dem Geistlichen, Monsignore Dr. Anton Trunz, keinesfalls als einfältige Person, sondern als ein komplexes Wesen, indem die angehende Malerin und Schriftstellerin ein ganzes Haus voller Charaktere als Gleichnis anführt. In jedem der 11 Räume lebt ein anderer Frauen-Typ. Ein ganzes Panoptikum diverser Gestalten wird vorgeführt. In jedem Zimmer eine andere Frau, anders gekleidet und sich anders verhaltend. Das sei sie, die Nelly, die man aber nicht ernst nehmen solle. „Meisterlich" notierte der Empfänger dieses Gleichnisses am Rand des Schreibens, das zufällig wie eine Reihe anderer Briefe erhalten blieb.
Ausgangspunkt für meine Spurensuche war das Staunen über eine sprachgewandte Schriftstellerin, die vom öffentlichen Bewusstsein nicht wahrgenommen worden war, da sie schon im 32. Lebensjahr an einer nicht völlig geklärten Krankheitsursache starb.
Dennoch hinterließ Nelly Dix-Thaesler (1923-1955), die sich (im Unterschied zu ihrem verehrten Vater Otto Dix) Alias Dix nannte, die andere Dix, ein beachtenswertes Werk, auch als Malerin von Miniaturen.
Gedruckt wurden die Erzählungen nach dem Alten Testament „Der Herr ist über Land gefahren" (1.Aufl.1961 München; 2.Aufl.Hamburg 1991) und Teil-Ausgaben davon: „Joseph der Träumer" (Berlin 1964 für die DDR) sowie „Ach, meine Freundin, die Tugend ist gut, aber die Liebe ist besser" (CH-Lengwil 2010).
Über Nelly Alias Dix als bildende Künstlerin erfuhr ich erst allmählich; z.B. durch Familie Mühlenweg.
Für mich gestalteten sich die Recherchen aufwendig und zeitraubend, da Zeitgenossen gesucht werden mussten, die im persönlichen Umfeld gelebt hatten und gleichaltrig bzw. älter gewesen sein mussten, um brauchbare Berichte geben zu können.
Jedenfalls stellte sich heraus, dass - abgesehen von zwei Exponaten im Otto-Dix-Haus in Hemmenhofen- das gesamte bildnerische Werk der jungen Künstlerin sich in Privatbesitz befindet.
Für ihre Erzählungen und Gedichte schöpfte Nelly Dix aus einem reichen Bildungsschatz. Obwohl die Verfasserin noch so jung war, zeigten die Arbeiten Reife, tiefes Gefühl der Mitmenschlichkeit und feinsinnigen Humor. Zudem spürte man, dass die junge Schriftstellerin von philosophischem Gedankengut angeregt war.
Die detailfreudigen Miniaturen luden ein zu längerem Verweilen oder meditativer Betrachtung. In einer Beurteilung hieß es „von malerischer Delikatesse". Entsprechend der vielseitigen Begabung ist das nachgelassene Werk von vielfältiger Thematik. Es gibt auffallend viele Zirkus-Darstellungen. Das ist nicht allein die Folge des „Anschauungsunterrichts" beim Vater und den Expressionisten. Nelly Alias Dix reiste selbst ein Jahr lang mit dem Zirkus Barum-Kreiser.
Für das Multitalent Nelly ist übrigens nicht allein das Erbe von Vaters Seite bestimmend gewesen. Die Mutter Martha Dix war eine hochbegabte Dame, sprachgewandt, lebensklug, weit gereist und als Pianistin ein Vorbild für die musikalische Tochter.