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Der Bronstein-Defekt

und andere Geschichten 

Christoph Werner

"Ich stellte bald an mir selbst die Verführung durch Zählen und Auswerten fest und empfand die Wonne, Gesetzmäßigkeiten bei gewissen Massenerscheinungen festzustellen. Nichts war vor mir sicher. Als erstes machte ich mich über die Friedhöfe her..."

Das Ilmenauische Bergwerk

Das Ilmenauische Bergwerk

Sidonia Hedwig Zäunemann

Dass die heutige Universitätsstadt Ilmenau einmal eine florierende Bergbaustadt war, ist nur wenigen bekannt. Schon im 12. Jahrhundert sollen hier Maßnahmen zum Abbau von Rohstoffen, insbesondere Kupferschiefer, getroffen worden sein. Urkundlich belegt ist der Ilmenauische Bergbau aber erst ab 1471. Und bis ca. 1860 wurde der Kupferschiefer, auch „Zechstein" genannt, der vornehmlich für Dachabdeckungen genutzt wurde, hier abgebaut.
Weiterhin wurde im Zeitraum zwischen Ende des 17. Jahrhunderts und 1898 in und um Ilmenau Manganerz abgebaut, das zur Herstellung von Stahlerzeugnissen diente. Der Bergkristall Manganit ist eines der häufigsten Mineralerze in Thüringen. Auch die unter Bergbauern bekannten Fluss- und Schwerspate (Fluorit) kamen in Thüringen und rund um Ilmenau in rauen Mengen vor. Sie wurden vornehmlich zur Glas- und Papierherstellung genutzt. Die Fluorite wurden bis 1991 abgebaut. Bis 1949 wurden auch geringe Mengen an Steinkohle gefördert.
Das im Jahre 1737 verfasste Gedicht von Sidonia Hedwig Zäunemann beschreibt das Ilmenauische Bergwerk mit seinen Schätzen. Die Erfurter Dichterin nahm, so geht es aus einem von ihr verfassten Bericht hervor, am 23. und am 30. Januar des Jahres an einer Grubenfahrt teil.
Zäunemann scheint hier sichtlich beeindruckt, nicht nur von der Vielfalt der geförderten Rohstoffe, sondern auch von der Tätigkeit der Grubenarbeiter sowie der Natur und der Technik. Die auch als „Zäunemännin" bezeichnete, emanzipierte Dichterin überschritt mit ihrem Besuch im Bergwerk einmal mehr die ihr von der Gesellschaft zugewiesene Rolle als Frau, die nur im privaten Bereich tätig sein sollte, indem sie als erste Frau in eine rein männliche Domäne eindrang.

Anette Huber-Kemmesies

 

Das Ilmenauische Bergwerk

 

Glück auf! Glück auf! wer sucht mich schon
So früh in meiner Ruh zu stöhren?
Glück auf! o Reitzungs-voller Thon!
Was könt ich wohl vergnügters hören?
So recht! mein Wunsch trift ein; der klare Ilmen-Fluß
Gibt mir Gelegenheit zu sehen,
Wie weit die Wunder Gottes gehn;
Mein Vorsatz wird erfüllt. Es ist der Bergmanns-Gruß.
Wie zärtlich hör ich Ihn zu vielenmahlen klingen!
Wie reitzend sucht er mir durchs Ohr ins Herzen zu dringen!
Wie angenehm und süß kommt mir
Der ungewohnte Zuruf für!

Nur fort! wohin? vor Ilmenau!
Da wird dein Geist Vergnügen finden.
Vergnügen? Ist die Luft nicht rauh?
Liegt nicht ein festes Eis in Gründen?
Bedecket nicht anjetzt ein tief gefallner Schnee
Die grün-und finstern Tannen-Wälder,
Die sonst mit Klee geschmückten Felder,
Der Thäler buntes Kleid und auch der Berge Höh?
Man hört ja, wie mich dünkt, nicht eine Wald-Sirene;
Man hört im Gegentheil ein kläglichs Wild-Gethöne.
Es sieht ja alles dürr und grauß,
Todt, furchtsam und erstorben aus. 

Doch nein! du hegest falschen Wahn,
Versuchs! du wirst dein Herz ergötzen.
Komm! sieh das Berggebäude an,
Dieß wird dich schon in Freude setzen.
Schau dort den Hütten-Rauch, geh eiligst! komm herbey,
Und sieh, was Menschen-Hände bauen,
Wodurch wir Gottes Seegen schauen.
Trit her! Du findest hier die alte Güt und Treu.
Wohlan! so will ich nun nicht länger wiederstreben,
Hingegen sehr genau auf alles Achtung geben.
Ich fühl auch schon in meiner Brust
Ganz ungemeine Freud und Lust. 

Was blickt dort vor ein Schein hervor?
Wen hör ich uf dem Zechhaus singen?
Hier will dem Herrn ein Bergmanns-Chor
Noch vor der Anfahrt Opfer bringen.
O tröstlicher Gesang! o schönes Sterbe-Lied!
Das Herz wird kräftiglich gerühret,
Und von dem Eitlen abgeführet,
Indem die Andachts-Gluth mich recht zum Himmel zieht.
Hier lerne ich die Welt und ihre Lust verachten,
Und meines Iesus Tod und meinen Tod betrachten.
Hie lern' ich, wie man Gott verehrt,
Bevor man sich zur Arbeit kehrt. 

Das Auge kan sich überall
An Schächten und an Tag-Gebäuden,
Bey manchem schönen Wasser-Fall,
Mit Lust und viel Vergnügen weiden.
Drum hält mich nichts zurück, ich steige frisch hinauf.
Der steile Berg gleicht einem Walle;
Hier laufen Stürzer uf der Halle,
Ein jeder grüsset mich, und ruft mir zu: Glück auf!
Wohin ich meinen Fuß auf dem Gebürge richte,
Daselbst vergnügt sich auch mein Geist und das Gesichte.
O was vor eine Freudigkeit
Erfüllt mein Herz zu dieser Zeit!

Was hat nicht dort die Kunst vollbracht!
Ich seh das Wasser von den Teichen,
Uf Wilhelm Ernst den tiefen Schacht,
Zum Künsten sanft und stille schleichen;
Bald lauft es schnell und stark. Dieß wallende Crystall,
Kan mir im Winter, wie im Grünen,
Zur lieblichsten Ergötzung dienen;
Bald labt mich sein Gespräng und bald sein steiler Fall.
Die Räder bey der Kunst, das Kehr-Rad läßt mich sehen,
Wie alles ordentlich und richtig müsse gehen.
So wächst durch Anfahrt, Rad und Seil,
Des Bergwercks Wohlfahrt, Glück und Heil. 

Durch eine Rösche spühr ich dort
Das Wasser im Gefluder laufen.
Es eilt zur Gottes-Gabe fort,
Das Bergwerck möchte sonst ersaufen.
Hier wird durch Seil und Rad, Erz, Siefer und Gestein,
Nach Wunsch zu Tage ausgetrieben.
Dort müssen sich die Knappen üben,
Damit in steter Gluth die Schiefer-Häuser seyn.
Man läufet ab und zu, ja gleichsam um die Wette,
Und machet mit Begier und größtem Fleiß die Bette,
Worauf man denn die Erze rößt,
Und dadurch die Gewerken tröst. 

Am Feld-Gestänge nehm ich wahr,
Wie richtig Künst und Kreutzer gehen.
Ich kan allhier noch ohn Gefahr
Des Berg-Inspectors Aufsicht sehen.
Was klingt mir vor dem Ohr? Wer spielt auf diesem Berg?
Wer pfeift, und führt den Tact so schöne?
O! wie vergnügt mich dieß Gethöne!
Nun weiß ich, was hier spielt. Es feilt das Eisenwerck
Ich höre noch darzu so manchen Gruß erschallen,
Dieß dringt durch Geist und Mark, mein Herz fängt anzuwallen.
Des Bergwerks Schönheit nimmt mich ein;
Ich will, ich muß ein Bergmann seyn. 

Ich kan die Regung meiner Brust
Ohnmöglich länger unterdrücken:
Ich muß zu meiner Herzens-Lust
Mich mit dem Bergmanns-Kleide schmücken.
Der Schacht-Hut ziert mich schon, nun bin ich ganz verkleidt!
Mein Gruben-Licht hat auch sein Feuer.
Kein unterirrdisch Ungeheuer,
Noch Fahrt, Gefahr noch Müh setzt mich in Bangigkeit.
Schweigt stille! denn mein Geist wagt alles durchzugehen.
Schweigt! lasset mich im Berg die Weisheit Gottes sehen.
Glaubt, daß ich jetzt so lustig bin,
Das macht, mir liegt die Fahrt im Sinn. 

Man wendet zwar darwider ein:
Kein Weib soll Mannes-Kleider tragen.
(Wenn es gelegne Zeit wird seyn,
Will ich hierauf die Antwort sagen.)
Man wirft mir weiter vor: Dieß sey nicht mein Beruf
Es sey von Gott der Weiber-Orden
Zum Haushalt nur erschaffen worden;
Man nimmt des Salomons sein Spruch-Buch zum Behuf.
Der König hat zwar recht; allein wer wills uns wehren,
Wenn wir darneben auch uns von dem Pöbel kehren.
Wer straft uns, wenn auch unser Geist
Ein Herz voll Muth und Feuer weist? 

Worzu hat uns die höchste Kraft
Verstand und Muth ins Herz gegeben,
Als daß wir auch nach Wissenschaft,
Und edlen Werken sollen streben?
Wie manches Frauenbild macht Kiel und Blat bekant;
Wie manches ist durch Helden-Thaten
Ins Buch der Ewigkeit gerathen.
Spieß, Degen, Blat und Kiel schmückt auch die Weider-Hand.
Weswegen soll denn nicht ein Frauen-Bild auf Erden
Durch Leder, Licht und Fahrt ein kühner Bergmann werden?
Auch diese That muß rühmlich seyn!
Glück auf! ich fahre freudig ein. 

Zurück; Warum? O nein! mir macht
Die Seiger-Fahrt gar keinen Grauen.
Ich, und mein Führer haben acht,
Ich kan ganz wohl den Wechsel schauen.
Mir komt die Seiger-Fahrt wie Jacobs Leiter für.
Hier seh ich, wie die Seraphinen
Den Fahrenden zum Schutze dienen.
O! wären sie nicht da, wie trostlos wären wir,
Es müßte unser Leid zerschmettern und zerbrechen;
So aber können wir die Worte frölich sprechen;
Weil dieß der Himmels-Leiter gleicht,
So wird mit Gott der Flötz erreicht. 

Was zeigt sich hier vor ein Gebäu?
Wie künstlich baut man in der Erde?
Ihr Werk-Verständgen! Sagt nur frey,
Ob oben so gebauet werde?
Das allergröste Haus, der herrlichste Pallast
Wird warlich nicht so fest gegründet,
Als man den Berg gezimmert findet.
Hier trägt ein festes Holz die allerschwerste Last.
Venedig ist gestützt und schwebet auf dem Naßen.
Hat dort Semiramis auf Pfeiler bauen lassen;
O! so beschämt doch dieser Berg
Dieß beydes, Stadt und Gartenwerk. 

Jetzt spühr ich wie die Wetter ziehn,
Ich fühle nun die untern Lüste.
Mein Auge wende dich dorthin,
Hier siehst du übersetzte Klüfte.
Wie schön und rein und frisch, wie sanft, wie schnell und klar,
Lauft dort das Wasser in Gerinne.
Belustget euch entzückte Sinne!
Gebt den Gedanken Raum! doch seht! was nehm ich wahr?
Man stürzet Karren aus: Man drecket Erz und Schiefer,
Hier sitzt es sich gut auf. Doch fort! nur immer tiefer!
Fahrt an des Flötzes gantzen Stoß,
Und uf die Zäuer munter los! 

Herzu! da geht das Schmeißwerk gut.
Wie edel sind alhier die Gänge!
Dort schrämt man mit vergnügtem Muth,
Denn man erblicket Erz in Menge.
Des großen Phisici sein Thränen-volles Buch,
Weiß uns auch Gänge, Gold und Eisen,
Gestein und Schiefer aufzuweisen.
So gab schon dazumahl die Grube Erz genug.
Man wußte nach der Kunst die Wasser abzuschützen; Man fuhr dem tiefsten nach, man blieb nicht oben sitzen.
So bringt des Bergwerks Alterthum
Dem Bergwerk nicht geringen Ruhm. 

Es zeiget mir der alte Mann,
Die lang geweßne Vater-Treue,
Und alte Güte Gottes an.
Ja, jetzt erblick ich sie aufs neue.
Geschicke, Anbruch, Flötz lehrt Gottes milde Hand
Und seiner hohen Weisheit St&aauml;rke,
Und seiner Allmacht Wunderwerke.
Hier macht sich seine Huld und Liebe recht bekant.
O! solt ein Stoicus in diese Grube kommen,
Ich weiß, ihm würde bald sein falscher Wahn benommen;
Er würde mit Ergötzen sehn,
Was hier die Allmacht läßt geschehn. 

Als Gott schon bey sich fest gestellt,
Die Felder herrlich auszuzieren;
So ließ er auch der untern Welt
Die Fülle seiner Güte spüren.
Gibt uns das Erd-Gebäu Feld, Wiesen, Gärten, Wald,
Korn, Obst und Kraut und andre Gaben,
Die wir zum Leben nöthig haben;
So dient das Bergwerck auch zu unsern Unterhalt.
Gold, Silber, Erz und Bley, Salz, Schwefel, Kupfer, Eisen,
Muß uns auf dieser Welt den größten Dienst beweisen.
Woraus man ja den Seegens-Fluß
Des Bergwerks genug erkennen muß. 

Wie sehr wird nicht zur Frühlings-Zeit,
In Gärten und auf bunten Auen,
Das Auge und der Geist erfreut!
O schöne Blumen, die wir schauen!
Allein wagt euch in Berg! kommt! fahret mit mir ein!
So findt ihr gleiche Anmuths-Spuren,
Ihr schaut die lieblichsten Figuren.
In Schwülen abgebildt. Bald werdens Blumen seyn;
Bald Bäume, Fische, Kraut; bald andre Lieblichkeiten,
Und Bilder, welche fast der Künstler Werk bestreiten.
So siehet nun dieß untre Haus
Gleich wie der schönste Garten aus. 

Da unsre Eltern das Gebot
Im Paradiese übergangen;
So kam der Fluch: Ihr solt das Brod
Durch saure Müh und Schweiß erlangen.
Ja wohl trift dieses zu. Der Bergman trägt den Lohn
Nach naßen Kitteln, Müh und Schrecken,
Und Karren übern Arsch zu drecken,
Nach öftern Mord-Geschrey, an wenig Geld davon.
Von Noth und Kümmerniß, von Jammer-vollen Tagen;
Von Elend, Angst und Schmerz kan uns ein Bergmann sagen.
Er wünscht die Berghenn' nach der Schicht,
Und schmeckt sie doch wohl öfters nicht. 

Ihr Helden! die ihr euch so sehr
Auf Degen, Stahl und Lager stützet,
Schaut, ob man hier wofern nicht mehr,
Doch gleiche Tapferkeit besitzet?
Ihr könt ja euren Feind im Feld vor Augen sehn;
Ihr könt zur Linken und zur Rechten
Mit Vortheil, klug und muthig fechten;
Ihr werdet doch gewahr, woher die Kugeln gehn.
Ihr könt auch in Gefahr den Unglücks-vollen Streichen
Des Feindes oft geschickt entfliehen und entweichen:
Wodurch sich euer Leib und Geist
Dem Unfall und dem Todt entreist. 

 

Allein seht unsre Knapschaft an;
Erwegt, mit wem dieselben kämpfen!
Hier drohet uns der alte Mann;
Dort will die Fluth das Leben dämpfen.
Seil, Tonne, Rad und Kunst zerquetschen Arm und Bein;
Bald zeigt der Bergmönch unser Ende;
Und bald zerschmettern uns die Wände;
Bald schläfert unsern Geist ein Stempel kläglich ein.
Wir können unsern Feind nicht sehen und entfliehen,
Noch uns, wie ihr Feld, so leicht zurücke ziehen.
Drum auch die Grube, gleich dem Feld,
Viel tapfre Streiter in sich hält,

Wenn Krieger nach dem Lager ziehn,
So ist ihr Marsch ein Weg der Freuden:
Da wir vielmehr das Eitle fliehn,
Und unsern Geist in Andacht weiden.
So wohl die Fahrt als Gang zeigt größre Sittsamkeit,
Als jene Reise muntrer Helden.
Was wollt ihr viel von Schiesen melden?
Wir sind so gut als ihr zu dieser That bereit.
Ihr zündt das Pulver an, und schießt nach Maur und Wällen;
Wir wissen das Gestein im Berg zu zerschellen.
Ihr brechet durch, nach Kriegs-Gebrauch,
Und sprengt den Stein; wir gleichfalls auch. 

Wenn Helden nach der blutgen Schlacht
Die angenehmste Ruh genießen;
So läßt der Bergmann in dem Schacht
Den heisen Schweiß von Wangen fliessen.
Die Knapschaft hat stets Krieg, sie ruhet niemahls aus,
Allhier ist ein beständig Streiten,
Man hat die Feinde stets zur Seiten.
Drum grünt und blüht uns auch ein schöner Ehren-Strauß.
Die Helden rühmt man hoch, die vor dem Feind gestritten.
Wie vielmahl haben wir gekämpft, gekriegt, gelitten?
Die Grube läßt uns keine Rast,
Drum sind wir stets zum Streit gefaßt, 

Wenn unser werthes Vaterland
Ein feindlich Krieges-Heer beziehet.
Und sich der tare Helden-Stand
Um Schwerd und Gegenwehr bemühet;
So sieht die Knapschaft auch hierbey nicht müßig zu,
Sie greift auch nach Gewehr und Degen,
Und sucht die Feinde zu erlegen.
Geht also fordert auch der Bergmann Fried und Ruh.
Wer dieß zu leugnen denkt, mag nur zurücke sehen,
Was zu Augustens Zeit in Sachsen-Land geschehen.
Man gab der Knapschaft, die man fand,
Schwerd, Bley und Pulver in die Hand. 

Als Herzog Heinrich der das Land
Elysien als Herr regierte,
Des Tarter Fürsts Tyrannen Hand,
Und tollen Christen Blut-Durst spührte;
So zog zwölfhundert Mann von Knappen mit ins Feld.
Sie kämpfen tapfer, kühn und muthig,
Und färbten ihre Degen bluthig;
Ein jeder zeigte sich als ein beherzter Held.
Die Knappen haben hier den größten Ruhm erworben;
Als tapfre Helden sind sie in der Schlacht gestorben.
So legte denn ihr Todes-Schweiß
Den Grund zu ihren ewgen Preiß. 

Zurück! zurück! hier giebts Gefahr!
Seht! hier muß Ausgewechselt werden,
Ein jeder nehme seiner wahr!
Getrost! Gott wohnt auch in der Erden;
Die Engel stehn uns bey; sie lagern sich allhier.
Ihr Flügel-Schutz bedeckt uns immer
Vor Ort, bey Künsten, im Gezimmer,
Sie reisen aus der Noth; ihr Antlitz leucht uns für.
Sie unterstützen uns, und fordern die Geschäfte;
Erhalten uns gesund, und geben Stärk und Kräfte.
Daher die Husche von uns flieht,
Die sonst die Gruben nach uns zieht. 

So sehr der Arzt, Hygäens Kind,
Das Auge an den Kräutern weidet,
Die er im Feld und Wäldern findt,
Und aus den bunten Gärten scheidet;
So lieblich stellt er sich auch hier das Bergwerk vor,
Warum? es bringt ihm viel Ergötzen;
Es weiß ihm Sachen vorzusetzen,
Die voller Anmuth sind. Verwirft sie gleich ein Thor.
Aus Mineralien die aus der Grube kommen,
Wird mancher edler Stein zur Arzeney genommen.
Die Welt denkt mit Verwundrung dran,
Was einstens Theophrast gethan. 

Herr Berg-Inspector! immer fort!
Ich muß das Vorgesümpfe sehen,
Ich muß in diesem tiefen Ort
Auch mit Betrachtung stille stehen.
Wie so? auch dahinnein? Das Wasser rauscht hier sehr.
Es hat seit zwölf und noch mehr Jahren
Kein Mensch dieß Vorgesümpf befahren.
Die Kittel werden hier von vielen Wasser schwer.
Das Wasser! laßt es seyn! laßts toben, brausen, stürmen;
Ein Zärtling sucht sich nur vor dieses zu beschirmen.
Bleibt nur mein Feuer und sein Schein;
So fahr ich in das Tiefste ein. 

Dem David wurde ehedem
Von Helden, die im Tode leben,
Dort aus dem Brunnen Bethlehem
Ein Trank von Wasser übergeben.
O! hätt ich doch anjetzt ein schönes Glaß bey mir!
Ich wolte meine Sehnsucht stillen,
Und dieses Glaß mit Wasser füllen:
Ich trüg es nach der Fahrt gleich Meinem Herzog für.
O! daß ich doch die Hand zu Licht und Fahrt muß haben!
Ich brächte mein Geschenk und tiefste Ehrfurchts-Gaben
Dem Held August in voller Hand,
Gleich wie Sinät in Perser Land. 

Ich habe nun die Seegens-Spuhr
Der Allmacht in der Erd erwogen,
Und aus den Wundern der Natur,
Die schönste Wissenschaft gezogen.
O wie vergnügt bin ich! wie frölich fahr ich aus!
Weg Spielen, Tanzen, Scherz und Schmücken;
Das Bergwerk kan mich nur erquicken;
Kein Garten labt mich so, als dieses untre Haus.
Auf! ich muß noch mehr sehn! ich will in nächsten Tagen
Mit gleicher Munterkeit mich auch in Stollen wagen.
Geht, bringt mir Kleid und Gruben-Licht,
Damit es mir an nichts gebricht. 

Glück auf! hier fährt man Seiger zu,
Wir sind nun an das Kreutz-Ort kommen.
Was Wunder, wenn ich frölich thu?
Weil ich viel schönes wahrgenommen.
Wie lieblich, rein und klar bricht sich das Frauen-Glaß,
Wie reichlich bricht man Nester-weise
Das Erz zu unsers Schöpfers Preise?
Der Seegen zeiget sich allhier in reicher Mas.
Wie haltig ist das Erz! ich kans nicht gnug betrachten.
Wie hoch ist doch die Huld der Majestät zu achten.
Wie süsse wird das Herz vergnügt,
Wenn solcher Schatz vor Augen liegt. 

Ihr Künstler! bildet euch nicht ein,
Ihr wüstet alles auszuzieren.
Des Stollens Gang und sein Gestein,
Weiß schönre Farben aufzuführen.
Kommt! schaut den Sinter an; hier ist er lieblich grün;
Bald will er reinem Purpur gleichen;
Bald muß ihm Schnee an Farbe weichen;
Bald scheint sich das Gestein roth, gelb zu überziehen.
Da fügt die untre Luft und Wasser was zusammen.
Daß Bäume mancher Art in kurzen draus entstammen.
Dort setzt sich ein Gewächse an,
Das man nicht gnug bewundern kann. 

O eine Weitung! Tage aus.
Wie mächtig kan das Wasser zehren!
Was lässet sich vor ein Gebrauß,
Vor ein Geräusch und Donnern hören?
Ist es das Stoll-Gespräng? es ists, ich hör es schon.
Bald lauft das Wasser still und fachte;
Bald scheints, als ob es Perlen machte;
Bald giebt sein sanft Geräusch den angenehmsten Thon.
Das Echo ruft sonst nur in dick-belaubten Wäldern
Und spricht in Thälern ein, und schwatzt in grünen Feldern;
Hier aber hat es auch sein Haus,
Und füllts durch seine Stimme aus. 

Glück auf! Glück auf! wir sind nun jetzt
Durch dieses Stollens-Mundloch kommen!
Der Himmel hat uns unterstützt,
Kein Schwaden hat uns eingenommen.
Nun aber will ich auch die edlen Hütten sehn.
Ich spühr sie schon von ferne rauchen,
Das Holz kan hier nicht dampfend schmauchen,
Sonst könt kein heller Schein von Heerd Oefen gehn.
Die Koh-Hütt läßet mir aus allen ihrem Wesen,
Fluth, Bälgen, Oefen, Rad, Kunst, Fleiß und Nutzen lesen,
Dort brennt ein Feuer, welches bleicht,
Daß man dem blassen Tode gleicht, 

Die Seiger-Hütte sucht in mir
Ein Freuden-Feuer anzuzünden.
Sie legt mir ihre Schätze für.
Was ist wohl nützlichers zu finden?
Man macht auf Heerd und Rost das rohe Kupfer gar.
Der Treib-Heerd kan zur Gnüge zeigen,
Wie der Gewerken Güther steigen.
Mein Auge nimmt mit Lust die Silber-Röthe wahr,
Wer nur betracht, wie hier das Silber fließt und glühet,
Der meinet, daß er auch ein Bild vom Monde siehet.
Das Silber giebt auch Blumen sat,
Woran man tausend Freunde hat. 

Das Feuer lummert mit Gewalt,
Sein Thon kan Ohr und Geist betäuben.
Kein Donner so durchdringend schallt;
Mich aber kans zum Jauchzen treiben.
Kein Regenbogen wird so schön an Farben seyn,
Als hier das Feuer zierlich brennet.
Wer ist, der einen Künstler nennet,
Der also schildern kan? O! seht doch diesen Schein!
Dort ist ein ander Feur von lichten rothen Flammen,
Aus welchen wiederum viel neue Farben stammen.
Wie? sind die Hütten und der Berg
Nun nicht mit Recht mein Augenmerk? 

Beglücktes Bergwerk! das die Hand
Der Allmacht stets mit Seegen krönet,
Nein! sage, ist dir nicht bekannt,
Wer sich nach deinem Wachsthum sehnet?
Dein Berg-Inspector sorgt dein Tromler ist bedacht,
Bergmännisch und mit Ruhm zu bauen,
Man kan aus allen Werken schauen,
Wie hoch es Sein Bemühn, Kunst, Witz und Fleiß gebracht,
Er pfleget keine Zeit und Mühe zu erspahren,
Den Stollen, das Gebäu und Schächte zu befahren.
Dein Flor steigt auch durch Ihn hinauf,
Drum spricht mein Mund zu dir: Glück auf. 

Durchlauchtigste! die Ihr noch Theil
An diesem Bergwerk habt, vergönnet,
Daß ich Euch wünsche tausend Heil:
Euch, die man billig Götter nennet.
Glück auf! Großmächtigster! Sarmatens-Haupt, August!
Glück! auf! Durchlauchtigste von Sachsen!
Ihr müßt biß an den Himmel wachsen!
Lebt, blühet, grünet und prangt zu Eurer Völker Lust;
Glück auf! insonderheit Durchlauchtster dieser Länder!
Die Gottheit schenke Dir gewünschte Liebes-Pfänder!
August! Mein Herzog, Fürst und Held!
Dein Saame sey ein Schmuck der Welt. 

Was fehlt mir noch was wünsch ich mehr?
Glück auf! vortrefliche Gewerken!
Zu eurem Wohl, und Gottes Ehr
Läß sich ein steter Seegen merken.
Herr Berg-Inspector auf! Glück auf! zu deinem Amt!
Glück auf! Ihr Berg-Officianten!
Nebst andern Freunden und Bekannten!
Glück auf die Knapschaft leb; die Schmelzer insgesamt.
Auf! feyret diesen Tag mit Andacht und mit Freuden.
Das Berg-Fest will ietzt nicht die Grillenfänger leiden.
Ich schweige denn die Feder bricht,
Ja heut ist Fest; ich mache Schicht! 

 

 

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Textquelle: Sidonia Hedwig Zäunemann: Poetische Rosen in Knospen, Erfurt 1738
Bildquelle: Wappen der Stadt Ilmenau; gemeinfrei, wikipedia