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Weihnachten bei Familie Luther

Christoph Werner

Luthers jüngster Sohn erzählt vom Christfest

Paul Luther, der jüngste Spross der Lutherfamilie, gewährt dem Leser Einblick in sein Leben und das seiner Familie.
Er berichtet von seiner Kindheit in Wittenberg und der Krankheit seines Vaters, von seiner Verwicklung, die ihm als Leibarzt widerfuhren, und von den Intrigen am Gothaer Hof. Reichlich illustriert öffnen sie dem Leser die Tür zur Weihnachtsstube der Familie Luther.

Die Wende

Die Wende

Florian Russi

Als Hitler über die Dächer flog

Der viel beachtete Fernseh-Dreiteiler „Tannbach" hat in Erinnerung gerufen, dass es schon 1945, am Ende des 2. Weltkriegs, in Deutschland zu einer großen Wende kam. Das Hitler-Reich brach zusammen, die alliierten Siegermächte rückten ein und besetzten Städte und Dörfer. Dies aber geschah nicht auf einen Schlag, sondern zögerte sich über mehrere Monate hin. Die verunsicherte und verängstigte, teilweise auch fanatisierte Bevölkerung wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte. Wie ein Schüler, ein Lehrer, eine ältere Dame und ein Nazi-Blockwart sich in und mit dieser Situation zurechtfanden, beschrieb Florian Russi 2004 in folgender Geschichte*:

*****

Es war in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges, als Lehrer Remmler den Schülern der sechsten Klasse der Volksschule in Meiningen das Hausaufsatzthema stellte: »Was ich dem Führer Adolf Hitler von mir und von Meiningen erzählen möchte.«

Man hätte den Verdacht hegen können, dem Lehrer sei es darum gegangen, die politische Zuverlässigkeit seiner Schüler oder ihrer Familien zu testen. Doch das war nicht seine Absicht. Vielmehr sollten die Buben ihr natürliches Mitteilungsbedürfnis auf den immer noch mächtigen Führer von Volk und Reich richten und beweisen, dass sie ihre Gedanken in eine geordnete Form zu bringen wussten.

Der zwölfjährige Wolfgang, Schüler besagter Klasse, zählte im Fach Deutsch nicht zu den Besten. Er wusste jedoch, dass in seiner Straße die gebildete Zahnarztwitwe Ohms wohnte. Für sie hatte er hin und wieder kleine Dienstleistungen verrichtet und war dafür mit Bonbons oder Schokolade belohnt worden. Jetzt wollte Wolfgang sie bitten, ihm beim Abfassen des Aufsatzes zu helfen.
Frau Ohms wohnte im obersten Stockwerk eines stattlichen Bürgerhauses. Sie war eine geachtete Persönlichkeit. Selbst Herr Gisebrecht, der kleinliche und allzeit misstrauische Blockwart der nationalsozialistischen Partei, begegnete ihr mit Respekt.

In Frau Ohms Wohnung hing ein großes Hitlerbild, und immer standen Blumen davor. Was aber viel entscheidender war: Die Zahnarztwitwe fuhr einmal im Jahr nach Berlin und besuchte dort ihren Neffen, der, so hieß es, ein hochrangiger Mann in einem gewichtigen Amt war. Welchen Tätigkeiten der Neffe im Einzelnen nachging, wurde nie publik. Frau Ohms sprach nur in Andeutungen davon. Der Verwandte hatte offenbar eine Vertrauensstellung in einem der Geheimdienste inne.
Als Blockwart Gisebrecht Frau Ohms nahe legte, Mitglied in der Nationalsozialistischen Partei zu werden, antwortete sie ihm, sie bereite gerade wieder eine Reise nach Berlin vor und wolle ihren Neffen um seine Meinung befragen. »Heil Hitler!«, salutierte der Blockwart und hörte auf, sie zu bedrängen.

Oft bat der Blockwart sie auch, bei ihrem nächsten Besuch in Berlin an geeigneter Stelle seine Wünsche und Vorstellungen zur strategischen Lage Deutschlands vorzutragen. Einige davon wurden berücksichtigt, andere nicht. Wichtige Entscheidungen traf allein der Führer. Das wusste auch der Blockwart.

Eines Sonntags erwischte Gisebrecht Frau Ohms, als sie gerade aus der Kirche kam. »Sie gehen in die Kirche?«, fragte er entsetzt.

Da legte sie die Hand auf seine Schulter und erwiderte: »Meine germanischen Vorfahren gehörten zu den ersten Christen in Deutschland. Daher ist es in meiner Familie seit vielen hundert Jahren Brauch, sonntags einen Gottesdienst zu besuchen. Mein Neffe hat mit dieser Tradition gebrochen. Er ist jung und sein Kopf ist voll neuer Ideen. In meinem Alter ist das anders. - Heil Hitler!«
Herr Giesebrecht gab sich geschlagen, obwohl das »Heil Hitler!« so geklungen hatte, also ob Frau Ohms einem kranken Mann baldige Genesung gewünscht hätte.

Als der Schüler Wolfgang zu ihr in die Wohnung kam, war sie gerade dabei, ein Gläschen grünen Likör zu trinken. Sicherlich hat sie den auch von ihrem Neffen bekommen, dachte Wolfgang.
»Morgen muss ich in der Schule meinen Hausaufsatz abgeben. Die besten und die schlechtesten Arbeiten werden in der Klasse vorgelesen. Was soll ich nur dem Führer erzählen? Mir fallt nichts dazu ein«, klagte der Junge.

»Lass uns gemeinsam überlegen«, schlug Frau Ohms vor, und dann formten sie die Sätze: »Mein Vater ist als Soldat im Krieg, meiner Mutter folge ich immer gehorsam. Meiningen ist eine kleine Stadt und lange nicht so groß wie Berlin. Ende Januar haben böse Amerikaner Bomben über uns abgeworfen, und zwei meiner Freunde sind dabei ums Leben gekommen. Ich interessiere mich für Modelleisenbahnen und laufe gern im Winter auf dem Eis. Zum Führer bin ich nicht geboren. Es ist notwendig, dass es Leute wie Dich gibt.«

»So kannst du den Aufsatz abgeben«, meinte Frau Ohms.

Wolfgangs Arbeit bekam nur eine mittelmäßige Benotung. Eigentlich hatte er von Frau Ohms mehr erwartet. Die beste Note hatte Bernd bekommen. Er durfte vom Lehrerpult aus vortragen. »Ich mache immer sorgfältig meine Hausaufgaben und folge meiner Mutter und meinem Lehrer aufs Wort. Für Mädchen interessiere ich mich noch nicht. Regelmäßig besuche ich die Gruppenstunden der Jungschar. Wir in unserer Gruppe haben grenzenloses Vertrauen in Dich, unseren Führer und Deine Fähigkeit zum Endsieg. Wenn die Amerikaner versuchen sollten, nach Meiningen vorzudringen, werden wir uns ihnen mannhaft entgegenstellen.«

Auch Wolfgang hätte seinen Aufsatz gerne vorgelesen und lief enttäuscht zu Frau Ohms. Unterwegs hörte er einige Leute rufen: »Die Amerikaner kommen.«

Als Wolfgang bei der Zahnarztwitwe eintraf, war Herr Gisebrecht schon bei ihr und fragte besorgt: »Haben Sie Nachrichten aus Berlin?«

»Ich weiß nur, dass zur Zeit eine Sitzung nach der anderen stattfindet«, antwortete Frau Ohms.

»Was machen wir, wenn morgen die Amerikaner hier sind?«, fuhr Gisebrecht fort und konnte seine Angst kaum verbergen. »Wir warten auf Befehle des Führers«, antwortete die Witwe. Der Blockwart fühlte sich beschämt, weil nicht er auf diese Antwort gekommen war. Er verabschiedete sich eiligst. In der Stadt hatten einige Bürger schon weiße Bettlaken aus den Fenstern gehängt. »Die Amerikaner kommen! - Nein, sie sind schon da!«, hörte man es nun von überall her raunen.

Frau Ohms bot diesmal auch Wolfgang von ihrem Likör an. Schnell tranken die beiden ihre Gläschen leer, und Frau Ohms musste noch einige Male nachschenken. In Zeiten des Umbruchs wanken auch die Sitten. Dann ging die Zahnarztwitwe zur Wand, nahm das Hitlerporträt ab und entfernte den Rahmen. Das Bild warf sie kurzerhand aus dem Fenster. Ein stürmisches Wetter war aufgekommen und trug das Bildnis des Führers in weitem Bogen über die Dächer der Stadt.

Nachdem Wolfgang das Haus verlassen hatte, begegnete er auf der Straße dem alten Herrn Emrich. Der war einmal Polizist gewesen, und man hatte ihn reaktiviert, um für Ordnung in der Straße zu sorgen. Da man keine reguläre Uniform für ihn fand, hatte man ihn in eine historische Feuerwehruniform gesteckt und ihm eine Pickelhaube aufgesetzt. Irgendwie sollte ein Rest von Obrigkeit zur Geltung gebracht werden.

Wolfgang salutierte vor Herrn Emrich. Er hatte vom grünen Likör einen Schwips. Der alte Mann lachte. Dann setzten sich die beiden dicht nebeneinander auf das Trottoir.

»Wir rufen das neue Deutschland aus«, schrie Wolfgang. »Lass uns lieber etwas singen«, drängte Herr Emrich, und so sangen sie: »Das Wandern ist des Müllers Lust« und »Wir wollen zu Land ausfahren«, bis es ihnen zu kalt wurde auf dem Bürgersteig.

Als Wolfgang am folgenden Tag zur Schule kam, sagte Lehrer Remmler: »Ihr wisst, liebe Schüler, dass ich immer auf Gerechtigkeit bedacht bin. Deshalb sind mir die Benotungen für eure Aufsätze nochmals durch den Kopf gegangen. Bernds Arbeit kann nicht die beste Note behalten. Zu viele stilistische Unebenheiten sind darin zu finden. An die erste Stelle will ich stattdessen die Arbeit von Klaus setzen. - Komm zum Pult, Klaus, und lies uns deinen Aufsatz vor.«

»Lieber Führer, ich bin zwölf Jahre alt und fahre gerne mit meinem Fahrrad. Oft radle ich zum Schloss Landsberg, das solltest Du unbedingt kennen lernen. Wenn Du mal nach Meiningen kommst, kann dir mein Bruder sein Fahrrad leihen und wir werden zusammen einen Ausflug zu dem Schloss machen.«

»Das ist originell und nicht so liebedienerisch wie das, was Bernd geschrieben hat«, begründete der Lehrer den Notenwechsel.

»Die Amerikaner sind da!«, hieß es anderntags wieder. Doch nirgendwo war einer zu sehen. Die Bürger waren verunsichert. Schließlich machte das Gerücht die Runde, die US-Armee sei zurückgedrängt worden. Der Führer habe zum Endschlag ausgeholt und wolle eine SS-Mannschaft nach Meiningen schicken, um seine Gegner erschießen zu lassen.

Beim nächsten Deutsch-Unterricht in der sechsten Klasse hielt Lehrer Remmler eine flammende Rede. Sie gipfelte in den Sätzen: »Wenn alle untreu werden, so bleib ich dir doch treu« und »Aus den Ruinen werden blühende Städte entstehen.«

Die Schüler waren beeindruckt, obwohl der Lehrer offen ließ, wem er die Treue zu halten gedachte und wer die Ruinen zu verantworten hatte. Am Schluss der Stunde versicherte Herr Remmler nochmals, dass er Bernds Note allein wegen stilistischer Unzulänglichkeiten herabgesetzt habe.

Als Wolfgang am Nachmittag wieder zu Frau Ohms in die Wohnung kam, war Blockwart Gisebrecht schon da und berichtete stolz, dass man jederzeit mit dem Einmarsch einer SS-Schar rechnen könne. »Wo ist das Führerbild, das immer in ihrer Wohnung hing?«, fragte er dann verwundert. »Ich habe es vor den Amerikanern in Sicherheit gebracht«, antwortete Frau Ohms und fügte hinzu: »Aus Berlin ist mir die Nachricht zugekommen, dass der Führer den Endsieg zunächst an der Ostfront geplant hat. Erst danach will er gegen die Amerikaner vorgehen.«

Zwei Tage später waren die Amerikaner tatsächlich da. Gisebrecht hatte den Schlagbaum am Eingangstor zur großen Kasernenanlage hochgehoben, so dass sie ohne Unterbrechung hineinfahren konnten. Die Amerikaner waren bald überall. Ihre Jeeps und Panzerwagen beherrschten das Stadtbild.

Herr Remmler formulierte ein neues Aufsatzthema: »Unsere Gäste von jenseits des Atlantiks«. »Wie ihr wisst«, sagte er zu seinen Schülern, »war ich immer schon der Auffassung, dass sich die Freiheit auf Dauer nicht unterdrücken lässt.«

Herr Gisebrecht hatte alle Hakenkreuze aus seiner Wohnung entfernt. Frau Ohms tröstete ihn mit der Zusicherung, dass die Amerikaner freundliche Menschen seien. Das habe sie von ihrer Kusine in Frankfurt erfahren. Die spreche perfekt Englisch und sei vom Stellvertretenden Oberbefehlshaber der Besatzungstruppen in Hessen als Dolmetscherin verpflichtet worden. »Sie wissen, dass ich immer das Beste gewollt habe«, erklärte Gisebrecht sehr eindringlich. Frau Ohms versprach ihm, dies in einem nächsten Brief ihrer Kusine mitzuteilen.

Herr Emrich, der Mann mit der Pickelhaube, wurde zum provisorischen Bürgermeister der Stadt ernannt. Wolfgang suchte ihn auf, um mit ihm über das neue Aufsatzthema zu sprechen.

Doch plötzlich kam alles ganz anders. Die Amerikaner zogen ab, und russische Soldaten rückten an ihre Stelle. Der alte Emrich wurde als Bürgermeister abgelöst und durch einen Altkommunisten ersetzt. Lehrer Remmler trat der Kommunistischen Partei bei und wurde zum Rektor der Schule ernannt, Herr Gisebrecht drei Jahre später zum stellvertretenden Vorsitzenden der national-demokratischen Blockpartei gewählt. Frau Ohms trat in die Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft ein und lernte einen hohen Offizier kennen, der bald darauf nach Moskau versetzt wurde und dort, wie es hieß, die Leibgarde des Politbüros der Kommunistischen Partei befehligte. Er soll Frau Ohms weiterhin freundschaftlich verbunden geblieben sein.

Wolfgang aber schrieb immer bessere Aufsätze. Bis zu seinem Schulabschluss und darüber hinaus blieben die neuen Verhältnisse, wie sie waren. Das verlieh Sicherheit, beim Schreiben wie beim übrigen Tun.

 

*****

* aus: Florian Russi: Der Drachenprinz.Bertuch Verlag Weimar 2004.
Zeichnung: Dieter Stockmann
Vorschaubild: Rita Dadder

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