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Der Drachenprinz

Florian Russi

Geschichten aus der Mitte Deutschlands, mit Zeichnungen von Dieter Stockmann

 

Als die Tiere noch miteinander sprachen

Als die Tiere noch miteinander sprachen

Florian Russi

„Thüringer Abkommen"

Die folgende Geschichte erzählt aus einer Zeit, in der im heutigen Thüringen noch viele exotische Tiere lebten. Ihr Umgang miteinander und auch ihre ersten Begegnungen mit den Menschen warfen Probleme und Streitigkeiten auf, die uns bis heute bekannt vorkommen.

Kati Spantig

Zu einer Zeit, als die Tiere noch sprechen konnten, lebten im Gebiet des heutigen Thüringen zwischen Rhön und Harz auch Löwen, Elefanten, Giraffen und Nashörner. Es war ein buntes Gewirr, dessen Hauptbeschäftigung die Nahrungssuche war. Elefanten und Giraffen waren sehr beliebt, weil sie nur Pflanzen fraßen. Die Löwen dagegen wurden gefürchtet, da sie ständig andere Tiere jagten. Die Nashörner waren zwar keine Fleischfresser, galten aber als rüpelhaft und schlecht erzogen. Es kam auch zu Beschwerden über die Elefanten, wenn diese die Nester von anderen Tieren niedertrampelten oder mit der Wucht ihres Körpers Erdhöhlen zum Einsturz brachten. Von allen gefürchtet waren die Drachen. Die waren gigantisch groß und schwer und flogen dennoch durch die Lüfte. Wenn sie am Horizont auftauchten, konnte man sich nie sicher sein, ob sie Vegetarier oder Fleischfresser waren.
 
Ihr schlechter Leumund ärgerte die Löwen, und sie sagten: »Was können wir dafür, dass wir Fleisch fressen müssen. Wir haben Gras, Blätter oder Früchte probiert. Die aber bekommen uns nicht. Ohne Fleisch müssen wir elend verhungern und sterben. Es war der große Drache, der die Welt und uns geschaffen hat. Der hat es so gerichtet.«
 
Dem konnten die anderen nicht widersprechen. Bären, Wölfe, Füchse und Bussarde stimmten eifrig zu und sagten: »Besser hätten auch wir es nicht ausdrücken können.«

»Wie sollen wir dann aber miteinander umgehen?«, fragten die Giraffen.

»Wir sollten ein Abkommen schließen«, rieten die Elefanten. »Die Löwen dürfen nur die schwachen und kranken Tiere fressen, solche, die sowieso nicht mehr lange zu leben haben. Wer von der Jagd lebt, darf seine Beute nicht quälen, sondern muss sie mit schnellem Biss töten.«

»Damit wäre das Ernährungsproblem der Löwen gelöst«, befanden die Bären. »Wer aber von uns weiß, ob nicht auch die Pflanzen leiden, wenn wir sie fressen oder auf ihnen herum trampeln? Was würden die wohl sagen, wenn sie reden könnten wie wir?«

»Macht euch auch mal Gedanken um uns«, warf darauf eine Maus ein, die bis dahin keiner zur Kenntnis genommen hatte. »In diesem Jahr wurden alle meine Kinder von Füchsen oder Bussarden gefressen. Auch wir Mäuse leben gerne und wollen nicht zerbissen oder zerhackt werden.«

»Ihr Mäuse seid wichtig für das Überleben vieler Tiere«, meinte ein Fuchs. »Wer sonst kann von sich behaupten, eine so nützliche Rolle in der Welt zu spielen?« »Außerdem könnt ihr immer Liebe machen. Euer Leben ist erfüllt von Fressen und Bumsen«, ergänzte ein Elefant. Dabei verdrehte er die Augen und schwelgte in Erinnerung an seine letzte Paarung mit einer schönen Elefantendame. Alle, mit Ausnahme der Mäuse, fanden schließlich, dass diese es eigentlich noch recht gut getroffen hätten.
Als die Tiere noch miteinander sprachen
Als die Tiere noch miteinander sprachen
»Können wir auch mal auf die Nashörner zu sprechen kommen?«, fragte ein Löwe.
»Werde nur nicht frech«, rief daraufhin ein Nashorn und jagte schnaubend auf ihn zu.
»Ihr Nashörner seid wirklich nicht sehr vornehm«, stellte ein Elefant fest, »obwohl ihr ausseht, als ob ihr Vettern von uns wärt. Könntet ihr euch nicht ein wenig besser benehmen?«

»Was sagst du da?« empörte sich das Nashorn, ließ von dem Löwen ab und raste jetzt auf den Elefanten zu, um ihn zu rempeln. Der wich aus, und alle sahen ein, dass den Nashörnern nur sehr schwer gutes Betragen beizubringen war. Der Elefant aber fuhr unbeirrt fort: »Wir sollten uns darauf verständigen, dass jeder von uns leben will und seine eigene Bestimmung hat. Lasst uns feierlich versichern, dass wir uns gegenseitig nicht mehr behelligen wollen, als zu unserem eigenen Überleben jeweils notwendig ist. Für die Nashörner sollten wir einen Ansporn schaffen für gesittetes Benehmen. Ich schlage vor, dafür jedes Jahr einen Preis zu verleihen. Dann treffen wir uns zu einer Gala und küren das freundlichste von ihnen. Anschließend tanzen wir gemeinsam einen Reigen.«

»Eine treffliche Idee«, stimmten die anderen zu. Ein Fuchs machte den Vorschlag, die Giraffen damit zu beauftragen, über die Einhaltung des Abkommens zu wachen.

»Weil sie so groß sind und alles überragen, können sie besser als jeder andere von uns die Übersicht behalten.« Wieder war bei dieser Unterredung das Wort »Abkommen« gefallen. Alle fanden den Begriff sehr gut und die Giraffen für die Überwachung vorzüglich geeignet.

Von jetzt an sprachen alle Tiere vom »Thüringer Abkommen« und gelobten sich gegenseitig, es auch einzuhalten. Einzig die Drachen ließen sich nicht zum Beitritt bewegen. Sie waren aber so selten, dass man auf sie verzichten zu können glaubte.
So lebten alle halbwegs verträglich viele Jahre lang mit- und nebeneinander. Auch gewöhnten sie sich daran, dass die geplante Gala häufig ausfallen musste. Nicht immer fand sich ein würdiger Preisträger. Das betrübte vor allem die Enten, die so gern getanzt hätten.

Eines Tages lief ein Bär voller Aufregung umher und rief: »Haltet mich nicht für verrückt! Ich habe gestern Lebewesen gesehen, von denen ich nie gedacht hätte, dass es sie überhaupt geben könnte. Sie laufen auf ihren hinteren Beinen, und mit den vorderen greifen sie nach allem und jedem oder schlagen sich auf die Brust.«

»Das könnten Menschen sein«, erklärte da ein alter Elefantenbulle, der in seinem Leben schon sehr viel herumgekommen war. »Ich habe von solchen Wesen gehört. Lasst uns beobachten, ob sie Vegetarier oder Fleischfresser sind. Danach sollten wir versuchen, sie in unser Abkommen einzubeziehen.«
Man bildete eine Gesandtschaft aus dem Löwen Kuno, der Giraffe Minola und dem Elefanten Mathansel. Die drei brachen sofort auf, um nach den neu hinzugekommenen Lebewesen zu suchen. Schon bald trafen sie auf eine herumziehende Horde von Menschen. Sie luden diese ein, an einem Treffen teilzunehmen, das die Tiere für die folgende Woche geplant hatten. »Wir wollen überprüfen, wie ein zwischen uns geschlossenes Abkommen sich ausgewirkt hat. Dann werden wir beraten, in welchen Punkten es sich noch verbessern lässt«, erklärte Mathansel. »Schließlich wollen wir alle nur leben«, ergänzte Kuno, der Löwe und leckte sich die Lippen.

Die Menschen sagten zu, eine Abordnung zu entsenden.
Das Treffen fand an dem Ort statt, wo sich heute die Ordensburg von Liebstedt befindet. Damals lag dort ein gewaltiger Steinbrocken, und daneben stand ein hoch gewachsener Lindenbaum. Alle Lebewesen aus der Umgebung hatten Abgeordnete entsandt. Es herrschte ein aufgeregtes Treiben, überall summte, brummte, heulte, fauchte, gackerte und rumorte es.

Da ergriff Mathansel als Ältester das Wort und sagte: »Wir sind zusammengekommen, um über unsere gemeinsame Zukunft zu beraten. Heute wollen wir uns wieder mit der unendlichen Frage befassen, wie wir uns gegenseitig achten und nicht mehr als nötig schädigen. Es freut mich, zum ersten Mal auch Menschen in unserer Mitte begrüßen zu dürfen: Manu, Ladu und Emru. Vielleicht können die drei sich uns kurz vorstellen.«

Da trat als erster Manu in die Mitte der Versammlung, trommelte mit beiden Fäusten auf seine Brust und sagte: »Ich bin Manu, ein Mensch, das Ziel der Schöpfung, Ebenbild Gottes. Alle haben mir zu folgen.«
»Hört nicht auf ihn«, rief da Ladu dazwischen. »Manu ist ein Angeber. Er ist nur deshalb so stark, weil er heimlich von unseren Vorräten stielt. Ich, Lanu, bin der Größte, und ihr tut gut daran, in Zukunft meinen Befehlen zu gehorchen.«

»Nicht ihm, sondern mir habt ihr Folge zu leisten«, unterbrach ihn da Emru. »Ich habe mich bisher zurückgehalten, um euch erst einmal zu beobachten. Jetzt aber sage ich euch, dass ich es bin, der euch alle führen wird.«

»Du kannst froh sein, dass ich dich überhaupt hierher mitgenommen habe«, keifte ihn Manu an. Da schlugen Emru und Ladu auf Manu ein. Sie beschimpften, kratzten und verprügelten ihn. Manu war der stärkere von ihnen und setzte sich kräftig zur Wehr. Schließlich gelang es allen dreien, Äste von der Erde aufzuheben. Damit schlugen sie so aufeinander ein, dass keiner von ihnen am Leben blieb.
»Was machen wir denn jetzt?«, fragte Mathansel, der Elefant, in die Runde. Doch keiner konnte mehr antworten. Allen hatte es die Sprache verschlagen. Sie gestikulierten wild und liefen verwirrt hin und her. Der Löwe Kuno riss noch schnell ein Reh. Niemand konnte verstehen, warum er nicht einen der Menschen gefressen hatte, die ohnehin schon tot waren. Die Nashörner rempelten Mitglieder der Delegation der Wildschweine um. Dann zerstoben die Tiere in alle Himmelsrichtungen.
Geraume Zeit danach brach eine große Sintflut herein und begrub viele Tiere und Menschen unter sich. Es bildete sich ein Meer, das sich erst viele Jahre später dorthin zurückzog, wo wir es heute antreffen.
Einige Tiere konnten sich retten und vermehrten sich in fernen Ländern. In die Mitte Deutschlands sind nur wenige zurückgekehrt. Nur noch selten unterhalten sie sich miteinander. Den Menschen verstehen sie ohnedies nicht mehr.

 

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Die Geschichte ist entnommen aus dem Buch "Der Drachenprinz, Geschichten aus der Mitte Deutschlands", erschienen im Bertuch Verlag 2004

 Vorschaubild, Nord American Animals, 1923 gemeinfrei 

Zusammenkunft der Tiere, 1613 von Jacob Hoefnagel (1573-1632/1633), gemeinfrei

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