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Johannes E. R. Berthold
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Steinsburg bei Römhild

Steinsburg bei Römhild

Thomas Handschel

Die Kelten auf dem Kleinen Gleichberg

Wenige Kilometer östlich der südthüringischen Stadt Römhild ragen zwei Erhebungen zwillingsartig aus der Landschaft: der Große Gleichberg (679 m) und der lediglich 38 Meter flachere Kleine Gleichberg (641 m). Von den Höhen dieser bewaldeten Basaltkuppen kann man nicht nur einen beeindruckend weiten Rundblick genießen; die beiden Berge und ihr Umland haben auch eine wichtige Rolle in der langen Besiedlungsgeschichte des thüringisch-fränkischen Grenzraumes gespielt. Dabei stellt die sogenannte „Steinsburg" auf dem Kleinen Gleichberg eine besondere archäologische Attraktion dar.

Wer bei diesem Namen an eine mittelalterlich anmutende Burg mit mächtigem Bergfried, zinnengesäumten Mauern usw. denkt, liegt allerdings nicht richtig. Tatsächlich handelt es sich um mehrere steinerne Wallanlagen, die sich ringartig um den Berg legen und deren Anfänge mehr als 2 500 Jahre zurückreichen. Erste Befestigungen auf beiden Gleichbergen lassen sich sogar schon auf die jüngere Bronzezeit (1 200-800 v. Chr.) datieren.

Bodendenkmal Wall um den besiedelten Bereich der keltischen Steinsburg bei Römhild
Bodendenkmal Wall um den besiedelten Bereich der keltischen Steinsburg bei Römhild

Die Sage zur Steinsburg

Bewohnern des nahen Umlandes waren die steinernen Ringe und deren Entstehung lange Zeit ein Rätsel; sie haben sich deshalb selbst einen Reim darauf gemacht. So entstand eine - in mehreren Versionen existierende - Sage um die Steinsburg, die der Dichter Ludwig Bechstein (1801-1860) aufgeschrieben hat. Danach hauste einst auf dem Kleinen Gleichberg ein Graf in einer Burg, die allerdings gegen feindliche Angriffe ungenügend gesichert war, was dem Grafen schmerzhaft bewusst wurde, als ihm sein Nachbar eines Tages den Fehdehandschuh hinwarf. Dem darüber bekümmerten Mann erschien der Teufel, der anbot, noch vor dem ersten Hahnenschrei am nächsten Morgen eine dreifache Mauer um die Burg zu errichten. Allerdings forderte er im Gegenzug die einzige Tochter des Grafen als Belohnung. Das verzweifelte Mädchen suchte daraufhin Hilfe bei ihrer alten Amme. Dieser fiel auch eine List ein. Der Teufel und seine Gehilfen arbeiteten eifrig in der Nacht... Doch lassen wir Bechstein selbst das Finale der Sage erzählen: „Schon ist das Werk fast vollendet, da tritt das kluge Mütterchen vor den Hühnerstall, patscht auf ihre Schürze und - der Hahn kräht zum ersten Mal, ehe der Teufel fertig geworden. Der merkt sogleich, dass er betrogen ist, und aus Rache und Ärger wirft er den ganzen Bau über den Haufen und verschwindet. Die Steine von der dreifachen Mauer liegen noch bis auf den heutigen Tag da." Soweit die Sage und die in ihr enthaltene Erklärung für die steinernen Trümmerfelder auf dem Kleinen Gleichberg.

Westlicher Wall der keltischen Steinsburg
Westlicher Wall der keltischen Steinsburg

Die Kelten auf dem Kleinen Gleichberg

In Wirklichkeit waren Kelten die Erbauer der dortigen Ringwallanlagen, die auch nicht auf einmal, sondern in mehreren Bauphasen durch Erneuerung und Erweiterung zwischen dem 5. und 1. Jahrhundert v. Chr. entstanden sind.

Wer aber waren die Kelten? So nennt man eine seit dem 1. Jahrtausend v. Chr. ursprünglich im südwestlichen Mitteleuropa auftretende Gruppe von Völkern und Stämmen, gekennzeichnet durch ihre keltischen Sprachen sowie eine gemeinsame kulturelle und religiöse Tradition. Auf dem Höhepunkt ihres Einflusses breiteten sich die Kelten im Westen über Frankreich bis auf die Britischen Inseln und die Iberische Halbinsel sowie im Osten bis nach Osteuropa ans Schwarze Meer aus. Von den Römern wurden sie Gallier genannt (Asterix und Obelix lassen grüßen!). Ihre nördliche Siedlungsgrenze verlief u. a. bis ins südliche Vorland des Thüringer Waldes, gewissermaßen bis in die direkte Nachbarschaft zu den Germanen.

Warum die Kelten in dieser Region den Kleinen Gleichberg für Jahrhunderte zu ihrem befestigten Siedlungszentrum auserkoren, lässt sich nicht mehr mit Sicherheit ermitteln (sie haben generell keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen), aber - mal abgesehen davon, dass auch der Große Gleichberg infrage gekommen wäre - ist das durchaus nachvollziehbar.

Zum einen war vom Berg das umliegende Land weit einsehbar; er eignete sich deshalb als militärisches Bollwerk gegen Bedrohungen. Manche Forscher sehen in den beiden Gleichbergen das vom griechischen Astronomen und Geografen Ptolemäus (ca. 90-160) erwähnte „Bikourgion" (Doppelburg bzw. Doppelberg). Auch verlief entlang der Gleichberge schon damals ein Handelsweg vom Maingebiet ins Thüringer Becken.

Zum anderen bot der Kleine Gleichberg von Natur aus hervorragende Möglichkeiten, dort angelegte Siedlungen mit Schutzmauern zu umgeben, denn das Baumaterial lag in Form von überreichlich vorhandenem Basaltgestein sozusagen vor der Haustür. Die Kelten haben davon auch reichlich Gebrauch gemacht. Während der - nach einem schweizerischen Fundort benannten - keltischen Latènekultur (5. bis 1. Jh. v. Chr.) errichteten sie eine gewaltige Wallanlage, die etwa 4-5 Meter hoch und ebenso breit war. In der Blütezeit der Siedlung, als hier mehrere tausend Menschen wohnten, war damit eine Fläche von etwa 68 Hektar (ha) eingefasst; allein die Hauptmauer umschloss 40 ha. Es gab mehrere Tore. Im 2./1. Jh. v. Chr. nahm die Siedlung städtischen Charakter an (lateinisch: Oppidum). Den wirtschaftlichen Schwerpunkt bildeten das Handwerk (Schmiedewerkstätten, Töpferei, Holzverarbeitung, Textilherstellung) und die Landwirtschaft. Der Berggipfel wurde wahrscheinlich für kultische Zwecke genutzt.

Kurz vor der Zeitenwende haben die Kelten ihr Oppidum auf dem Kleinen Gleichberg aufgegeben. Das lässt sich daraus schließen, dass aus der Zeit danach keine keltischen Siedlungsspuren mehr stammen.

Anschließend „eroberte" die Natur den Berg zurück und überzog ihn bald wieder mit einem dichten Wald. Allerdings stand im späten Mittelalter auf der Südspitze des Berges eine kleine Wallfahrtskirche, die Michaelskapelle, die nach einem Blitzeinschlag 1527 abbrannte. Freilich nagte nicht nur der „Zahn" der Jahrhunderte an den keltischen Wallanlagen. Wesentlich folgenreicher war die im 19. Jahrhundert einsetzende wirtschaftliche Nutzung des quasi baufertigen Basaltgesteins z. B. für den Straßenbau. Insbesondere der am leichtesten erreichbare Außenring der Befestigungen diente als Steinbruch, später betraf das auch andere Abschnitte. Zum Abtransport des Gesteins wurden Wegerinnen durch die Wälle getrieben. Der Steinabbau, der von 1838 bis 1927 andauerte, führte zur Abtragung bedeutender Teile der Wallanlagen, er förderte aber auch eine erstaunlich große Menge keltischer Hinterlassenschaften (u. a. Werkzeuge, Geräte, Schmuck, Waffenteile) zutage. Diese Zufallsfunde riefen Hobbyarchäologen und Wissenschaftler auf den Plan, die sich der systematischen Erforschung und Erschließung der Steinsburg verschrieben. Besondere Verdienste erwarben sich dabei der zeitweilig in Römhild arbeitende Arzt Gottlieb Jacob (1826-1896), der erkannte, dass es sich bei den Gesteinsanhäufungen um eine von drei Ringen gebildete vorgeschichtliche Wallanlage handelte, der Römhilder Apotheker Carl Kade, der 1925 den Verein „Gemeinde der Steinsburgfreunde" gründete, und v. a. der Prähistoriker Alfred Götze (1865-1948), der seit 1900 die wissenschaftliche Steinsburg-Forschung zu seiner Lebensaufgabe erhob.

Steinsburgmuseum
Steinsburgmuseum

Das Steinsburgmuseum

Zu den glücklichen Fügungen gehört, dass die zahlreiche Funde nicht über verschiedene Ausstellungsstätten verstreut wurden, sondern 1929 am Fuße des Kleinen Gleichbergs das Steinsburgmuseum seine Pforten öffnete. Sein Gründungsdirektor war Alfred Götze. Das grüne Museumsgebäude, das Besuchern oft als Ausgangspunkt ihrer Wanderung auf die Plattform des Kleinen Gleichbergs und der Besichtigung der Wallruinen dient, präsentiert viele der dort und im Umfeld geborgenen Beispiele keltischer Besiedlung. Zu den interessantesten Stücken im Bestand des Museums gehören kunstvoll gestaltete bronzene Gewandspangen, die sogenannten „Vogelkopffibeln". Die 1996 neu gestaltete Dauerausstellung, die sich als Spezialmuseum für Ur- und Frühgeschichte Südthüringens versteht, spannt einen weiten zeitlichen Bogen von der Mittelsteinzeit (etwa 8 000 v. Chr.) bis zum Mittelalter und ordnet die Steinsburgfunde in das wirtschaftlich-kulturelle Leben der Kelten in Südthüringen ein. In einem der Ausstellungsräume steht auch ein Modell der Steinsburg. Mit diesen Informationen „im Gepäck", sieht man beim rund einstündigen Aufstieg zum Plateau des Kleinen Gleichbergs das aus keltischer Vergangenheit stammende Bodendenkmal mit ganz anderen Augen und hat das Gefühl, dass die Steine etwas zu erzählen haben. Die von der „Gemeinde der Steinsburgfreunde" aufgestellten Informationstafeln helfen bei der Orientierung.

Wer nach dem Abstieg vom Kleinen Gleichberg etwas Erholung und Stärkung sucht, kann in das - rund 120 m vom Steinsburgmuseum entfernte - „Waldhaus" einkehren. Keltengeschichtlich Interessierten bietet sich die Möglichkeit, weitere Abschnitte des von Südthüringen nach Franken führenden, 254 km langen Kelten-Erlebnisweges zu besuchen, zu dem auch die Gleichberge gehören.

Öffnungszeiten:

Dienstag bis Sonntag: 9.00 - 17.00 Uhr

Führungen nach Voranmeldung

Adresse:

Steinsburgmuseum
Waldhaussiedlung 8
98631 Römhild

Telefon:

03 69 48 / 2 05 61

 

*****

 

 

Quellen:
- Ludwig Bechstein: Von dem kleinen Gleichberge bei Hildburghausen. In: Sagen und Geschichten aus deutschen Gauen, Kapitel 37. Textstelle zitiert nach: http://gutenberg.spiegel.de/buch/sagen-und-geschichten-aus-deutschen-gauen-5877/37
- Flyer des Steinsburgmuseums Römhild (http://www.thueringen.de/mam/th1/denkmalpflege/steinsburgmuseum/steinsburg_flyer.pdf)

- Rhönlexikon im Internet (http://www.rhoen.info/lexikon/index.html)

Bildquellen:

 

Großer (679m) und kleiner (641m) Gleichberg vom Hildburghäuser Stadtberg aus, Thüringen, Deutschlend, Elop, Wikipedia, (CC BY-SA 2.5) 

Bodendenkmal Wall um den besiedelten Bereich der keltischen Steinsburg bei Römhild,  Dietrich Krieger, Wikipedia, (CC BY-SA 3.0)

Westlicher Wall der keltischen Steinsburg bei Römhild, Kleiner Gleichberg, Thüringen, Dietrich Krieger, Wikipedia, (CC BY-SA 3.0)

Steinsburgmuseum, Tbo-str, gemeinfrei 

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