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Astrid Koopmann/ Bernhard Meier
Kennst du Erich Kästner?

Ist das dort nicht Kästner, Erich Kästner? Ich habe gehört, er war gerade auf großer Reise - Dresden, Leipzig, Berlin, München oder so. Soll ich dich mit ihm bekannt machen? Kästner mal ganz privat! Er hat immer eine Menge spannender Geschichten auf Lager.

Mord in der Herberge

Mord in der Herberge

Florian Russi

Von Grausamkeit und Pflichtbewusstsein

Mit seinen „Geschichten aus der Mitte Deutschlands" (erschienen 2004) wollte Florian Russi deutlich machen, dass die sog. „Neuen Länder" der Bundesrepublik Deutschland keine Fremden waren. Es sind Gebiete, in denen die Wiege der deutschen Kultur stand. Sie prägten unsere deutsche Vergangenheit mit, und ihre Wurzeln finden sich in unserer deutschen Sagen- und Märchenwelt wieder. Dabei idealisiert der Autor nicht. Die Erzählungen fügen sich ein in die deutschen und europäischen Werke der Erzählkunst. Sie sind z.T. unmoralisch und grausam, vor allem aber fantasievoll und anregend. Bei der folgenden Geschichte stützte sich der Autor auf Ereignisse, wie sie sich ähnlich im 18. Jahrhundert zugetragen haben sollen.

Uta Plisch

An der Straße von Eisenach nach Gotha steht einsam ein verlassenes Haus, in dem vor vielen Jahren die Herberge »Zum Schwarzen Adler« untergebracht war. Der Wirt, Matthias, war ein jovialer Mann, der sich gern mit seinen Gästen unterhielt. Stets war er darauf bedacht, dass deren Wünsche sofort erfüllt wurden.

Matthias hatte einen Knecht, den er mit dem Namen »Bogo« rief. Bogo war von sehr kräftiger Gestalt, aber auch von großer Einfalt, um nicht zu sagen, er war schwach im Geiste. Seinem Herrn war er unbedingt ergeben. Bereitwillig und offenbar mit Freude erledigte er schwerste Verrichtungen. Bogo trug das Gepäck der Gäste in die ihnen zugewiesenen Zimmer, half beim Aus- und Abladen der heranfahrenden Kutschen und rollte und stemmte die Bier- und Weinfässer für das Gasthaus. Die Herberge fiel auf durch große Sauberkeit. Das Essen wurde gelobt, es kamen viele Gäste.

Eines Abends fuhr ein Kaufmann aus Köln vor und legte Wert darauf, dass seine Kutsche nicht auf der Straße bleiben, sondern über Nacht in der großen Scheune, die zur Herberge gehörte, untergestellt werden sollte.

»Aus Köln kommt Ihr? Einen so weit angereisten Gast hatte ich schon lange nicht mehr«, begrüßte Matthias den Kaufmann und servierte ihm Rinderbraten, Thüringer Klöße, Kohlgemüse und Köstritzer Schwarzbier.

Der Gast aß und trank vergnügt, und als sich Matthias zu ihm an den Tisch setzte, erzählte er, dass er in seiner Kutsche edelste Metalle geladen, die er in Amsterdam erworben habe und nun in Leipzig verkaufen wolle.

Matthias wünschte ihm viel Glück bei seinem Vorhaben. Der Kaufmann nahm das zum Anlass, von seinen vielen Talenten, seinem Verhandlungsgeschick und seinem Blick für die richtigen Warenangebote zu prahlen. Er vergaß auch nicht, davon zu berichten, wie er es verstanden habe, die Dummheit und Unerfahrenheit mancher Kunden zu nutzen und sich so nach und nach ein kleines Vermögen anzusammeln.

»Dann bin ich gespannt, welche Erfolge Ihr in Leipzig haben werdet«, antwortete Matthias. »Vielleicht könnt Ihr auf dem Rückweg wieder hier einkehren und mir davon berichten.«

Einen Monat danach fuhr der Kölner Kaufmann tatsächlich wieder vor und verkündete Matthias stolz: »Diesmal habe ich mich selbst übertroffen. Zehntausend Taler habe ich eingenommen. Ich bin wirklich der Größte!«

Er ließ sich die feinsten Speisen auftragen und wollte nicht aufhören, sich zu brüsten.

»Meinen Glückwunsch«, bemerkte Matthias mit höflicher Verbeugung. Er ermunterte ihn, weiter zu erzählen. Dann lud er ihn zu einer Flasche Wein in seine gute Stube, wo sie ungestört und ohne lästige Zuhörer plaudern konnten. Der Kaufmann nahm auf dem Sofa Platz, das einen großen Teil des Raumes ausfüllte und, wie Matthias ihm sagte, nur für auserlesene Gäste vorgesehen war.

»Stell dir vor, auf dem Markt in Leipzig haben die Goldschmiede und Juweliere Schlange gestanden, um etwas von meiner Ware abzubekommen. Sie haben jeden Preis bezahlt, den ich haben wollte. Meine Truhen sind prall mit Geld gefüllt. Wenn ich zurück in Köln bin, werde ich mir ein großes Haus kaufen und eine Tochter aus bestem Haus heiraten.«

Er hatte den letzten Satz kaum ausgesprochen, da drückte Matthias mit fester Hand gegen ein Bein des schweren Eichentischs, an dem sie saßen. Sofort tat sich das Sofa in der Mitte auf, und mit einem kurzen Überraschungsschrei auf den Lippen verschwand der Kaufmann in der Tiefe. Hart schlug er auf dem Kellerboden auf, wo Bogo ihn schon erwartete und mit einem Keulenschlag ins Jenseits beförderte.

Dann leerte Bogo dem Kaufmann die Taschen, schulterte seine Leiche über und legte sie behutsam in einen Bottich mit Salpetersäure, der in einem verborgenen Seitengelass stand. An der Kutsche des Kaufmanns nahm er einige Veränderungen vor und strich sie in einer neuen Farbe. Im folgenden Jahr wurde sie in Nürnberg zum Kauf angeboten. Der Kaufmann aus Köln aber galt als verschollen. Leute wie er lebten nicht ohne Risiko.

Einige Monate später kam ein Händler aus Flandern, um in der Herberge zu über¬nachten. Matthias unterhielt sich angeregt mit ihm und ließ sich viel über sein Herkunftsland erzählen. Der Händler war auf dem Weg nach Dresden, wo er gute Geschäfte zu machen hoffte. Drei Wochen später fuhr er wieder vor der Herberge vor, diesmal mit viel Geld in seinem Gepäck. In Flandern ist er dann nicht mehr angekommen.

Im Laufe der Jahre verschwanden so ein Dutzend Handelsreisende. Nie wurde nach ihnen geforscht. Lange Reisen waren damals nur Wenigen Vorbehalten und galten als nicht ungefährlich.

Eines Tages jedoch kam dem Landgrafen zu Ohren, dass in der Herberge »Zum Schwarzen Adler« nachts wilde Schreie gehört worden seien. Er entsandte seinen Hofbeamten Eduard, damit er nach dem Rechten sehen sollte. Eduard gab sich als reisender Händler aus. Er führte mehrere Truhen mit sich, um deren Inhalt er ein großes Geheimnis machte.

Matthias unterhielt sich mit ihm und erkannte an seinem Akzent, dass er aus der nahen Umgebung stammen müsse. Deshalb beantwortete er Eduards Fragen mit Diskretion, bewirtete ihn freundlich und krümmte ihm kein Haar. Ihn interessierten Kaufleute, die von ferne angereist kamen.

Dem Landgrafen konnte Eduard nur Gutes über die Herberge und ihren Wirt berichten. - Wie aber waren die Schreie zu erklären? Der Abgesandte des Grafen selbst hatte nur ruhige Nächte erlebt, aber es verkehrten in dem gastlichen Haus nicht nur alleinreisende Gäste.

Eines Tages betrat ein junger Mann aus Flandern die Herberge. Er führte ein Ölbildnis bei sich, das den Kaufmann zeigte, der in Dresden Geschäfte gemacht hatte, und stellte sich als dessen Sohn vor. Matthias erklärte ihm, er könne sich dunkel an einen Kaufmann aus Flandern erinnern, aber nicht daran, wohin er weitergereist sei. Der junge Mann zog, ohne Verdacht zu schöpfen, unverrichteter Dinge weiter.

Nach diesem Besuch zählte Matthias sein Geld und beschloss, in eine andere Gegend zu ziehen, dort ein Haus zu kaufen und sich eine Frau zu suchen. Er gab Bogo ein paar Taler und kündigte ihm an, dass er die Herberge nun bald schließen werde. Wenig später kehrte er von einer Reise zurück und brachte eine hübsche junge Frau mit, die er geheiratet hatte.

Bogo verstand, dass er nun bald die Herberge, die ihm Heimat gewesen war, verlassen müsse und kein Gepäck mehr schleppen, keine Kutschen mehr umgestalten und niemand mehr erschlagen und in Salpetersäure auflösen dürfe. Da überkam ihn eine erdrückende Angst. Er nahm seine Keule und erschlug erst die junge Ehefrau, dann seinen Herrn Matthias. Anschließend legte er beide nebeneinander ins Säurebad. Nach ein paar Tagen war nichts mehr von ihnen zu sehen.

Als der nächste Gast kam, trug Bogo ihm das Gepäck, wusste aber nicht, ihn zu bewirten. Er ging also an den Schrank, in dem sein Herr sein Geld aufbewahrt hatte, und schenkte dem Gast eine Hand voll Taler, damit er trotzdem bleiben solle. So verfuhr er auch mit den folgenden Gästen, bis sich sein merkwürdiges Verhalten herumsprach und der Landgraf wieder Beamte, diesmal drei an der Zahl, zur Herberge schickte.

Bogo lud die Herren ins gute Zimmer. Dort nahmen sie nebeneinander auf dem großen Sofa Platz. Als Bogo die Vorrichtung bediente, öffnete sich das Sofa, und die drei stürzten hinab auf den Kellerboden. Doch als Bogo mit seiner Keule kam, um sie zu erschlagen, hatten sich zwei von ihnen schon wieder aufgerichtet. Mit ein paar Konterschlägen setzten sie Bogo außer Gefecht. Als sie ihn abführten und vor den Landgrafen brachten, versicherte Bogo: »Immer nur habe ich meinem Herrn Matthias gedient und meine Pflichten erfüllt.«

»Warum hast du ihn dann umgebracht?«, fragte der Graf.

»Er wollte mich daran hindern, weiterhin meine Pflichten zu tun«, antwortete Bogo ohne schlechtes Gewissen.

 

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Vorschaubild: Rita Dadder