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Winckelmann im Kreise der Gelehrten

Klaus-Werner Haupt

Das Gemälde "Winckelmann im Kreise der Gelehrten in der Nöthnitzer Bibliothek" von Theobald Reinhold Anton Freiherr von Oer steht im Mittelpunkt dieser Abhandlung über Winckelmann. Es dient dem Autor als Vorlage für eine kurze szenische Darstellung, in der die Geisteshaltungen und die Kontroversen der zwölf Gelehrten sichtbar werden.
Insgesamt besteht das Heft aus drei Teilen. Einem Kurzabiss zum Maler von Ohr, dessen Bild im Mittelpunkt steht, dann der szenischen Abhandlung, die das Bild zum Leben erweckt. Anschließend wird in einem wissenschaftlichen Abriss Winckelmann als Wegbereiter der Weimarer Klassik abgehandelt.

Die Schlacht am Kötsch

Die Schlacht am Kötsch

Florian Russi

Unweit von Blankenhain, am Berg namens Kötsch, gingen während des Dreißigjährigen Krieges zwei Regimenter in Stellung, auf der einen Seite die Katholiken, auch Kaiserliche genannt, auf der Gegenseite die Protestanten, auch als Union bezeichnet. Die Katholiken setzten sich aus Tirolern, Kroaten, Salzburgern und Böhmen zusammen, die Protestanten aus Hessen, Pfälzern, Schwaben und ebenfalls Böhmen. Beide Heere bestanden aus wild zusammengewürfelten Söldnerhaufen.

Die Schlacht begann. Der erste Schuss aus einer protestantischen Kanone traf mitten ins Hauptquartier der Kaiserlichen und brachte deren Oberbefehlshaber, den Grafen von Tölz um sein Leben.

Wie ein Sinnbild der Rache streckte ein Schuss aus der Gegenrichtung unmittelbar darauf den Herzog von Lüderitz nieder, den Anführer der protestantischen Union.

Auf beiden Seiten riefen diese Ereignisse größte Bestürzung hervor. Die Katholiken trauerten um den Grafen von Tölz. Sie wuschen dessen toten Körper, legten ihm eine frische Uniform an, hefteten Orden und Ehrenzeichen an seine Brust und begingen drei Tage lang ein feierliches Totenamt für ihren gefallenen Helden.

Auf protestantischer Seite ging es nicht viel anders zu, etwas weniger feierlich vielleicht, aber mit desto mehr Ernst und Würde.

Das Wehklagen erreichte auf beiden Seiten nach fünf Tagen seinen Höhepunkt, dann ebbte es langsam ab, und nach zwölf Tagen griffen die Soldaten wieder zu ihren Waffen.

»Was wollten wir eigentlich hier? «, fragten die Salzburger die Tiroler. »Ohne unsere Feldherrn wissen wir nicht, wie es jetzt weitergehen soll.«

Im Lager der Union studierte man eifrig die vom Herzog von Lüderitz hinterlassenen Aufzeichnungen, um die strategischen Ziele des Krieges zu erkunden. Doch niemand verstand es, die Karten und Dokumente richtig zu deuten.

Da setzte sich auf beiden Seiten die Meinung durch, dass man das Schlachtfeld verlassen und höheren Orts neue Befehle einholen sollte. So zogen die Kaiserlichen Richtung Wien und die Protestanten Richtung Kassel. Unterwegs kamen die Katholiken durch katholische Dörfer und Städte, die Protestanten durch protestantische.

Da die Soldaten lange keinen Sold mehr bekommen hatten und hungrig waren, überfielen sie Bauernhöfe und Bürgerwohnungen, stahlen Geld und Vieh, brandschatzten Häuser und vergewaltigten und schändeten deren Besitzer. Die Not ließ sie darüber hinwegsehen, dass ihre Opfer die eignen Glaubensbrüder waren. Die fehlende Sinnhaftigkeit ihres Tuns glichen sie durch Brutalität aus.

Als die Katholiken in Wien ankamen, wollten sie den Kaiser sprechen. Der hatte jedoch keine Zeit für sie. Seine Kanzlei ließ ausrichten, sie sollten die Stadt schleunigst wieder verlassen und sich einen neuen Feldherren suchen. Den Protestanten erging es in Kassel nicht viel anders.

So zogen die Soldaten beider Heere wieder zurück nach Thüringen. Suchend streiften sie durchs Land. Bals lösten sie sich in kleine Gruppen auf und marodierten herum, angetrieben von dem Wunsch nach Essen, Geld, Frauen und einem neuen Feldherrn.

Als sie nach Gotha kamen, hingen in den dortigen Wirtshäusern Plakate aus, auf denen zwei Feldmarschälle neue Soldaten anwarben. Landgraf Roland suchte Truppen für die protestantische Union. Graf von Poseneck stellte ein Heer für die katholische Liga zusammen. Die Böhmen schlossen sich mehrheitlich dem Landgrafen Roland an, die anderen trafen ihre Entscheidungen je nach der Religionszugehörigkeit ihrer Volksstämme. Der versprochen Sold war in jedem Fall der gleiche.

Mit ihren frisch zusammengestellten Heeren brachen die beiden Feldherren zum Berg Kötsch auf, um die seinerzeit unterbrochene Schlacht wieder aufzunehmen und zu einer Entscheidung zu führen. Bevor jedoch die ersten Schüsse fielen, kam aus Wien ein Bote ins Quartier des Grafen von Poseneck geritten und erklärte ihn für abgesetzt. Mit Oberbefehl über seine Truppen hatte der Kaiser inzwischen den Landgrafen Roland betraut.

»Wenn es sich so verhält, muss ich also von jetzt an für die protestantische Sache kämpfen«, ließ Graf von Poseneck darauf verkünden. Seine Soldaten feierten ihn mit einem Salut und gelobten unverbrüchliche Treue.

Anderntags gaben die beiden Grafen den Befehl zum Angriff, Alles blieb, wie es war, nur die Himmelsrichtungen hatten sich geändert.

Diesmal blieben die Feldherren verschont. Lediglich ihre Soldaten fielen ausnahmslos unter den Kugeln und Lanzenstichen. Die beiden überlebenden Grafen umkreisten sich voller Misstrauen in einigem Abstand.

Mehrere Stunden hielten sie so durch, bis einer von ihnen zu gähnen anfing und dann rief: »Was wollen wir hier, ohne Truppen? Lass uns auf die Suche gehen nach neuen Söldnern. Dann treffen wir uns wieder an dieser Stelle, und der Kampf kann weitergehen.«


*****

Bildquelle:

Vorschaubild: Wallenstein: Eine Szene aus dem Dreißigjährigen Krieg, 1884, Urheber: Ernest Crofts via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Marodierende Soldaten. Sebastian Vrancx 1647, Deutsches Historisches Museum Berlin via Wikimedia Commons Gemeinfrei.

Textquelle:

Text entnommen aus: Russi, Florian: Der Drachenprinz, Weimar: Bertuch Verlag, 2004, S.141f.

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