Thüringen Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
www.thueringen-lese.de
Unser Leseangebot

Gerhard Klein
Berlin-Skizzen

Die deutsche Hauptstadt in achtzehn Bildern. Die liebevoll gestalteten Zeichnungen geben einen einzigartigen Blick auf die Metropole an der Spree. Neben bekannten Bauwerken wie Reichstag und Gedächtniskirche hat Architekt Gerhard Klein auch sehenswertes wie den Eingang des Berliner Zoos oder das Bode Museum in Bild eingefangen. Den Zeichnungen ist ein informativer Text zur Sehenswürdigkeit beigeordnet.

Der Wichtel wird aus dem Hause verbannt

Der Wichtel wird aus dem Hause verbannt

Dr. August Witzschel

Nach den bekannten thüringischen Sagensammlungen von Ludwig Bechstein aus den Jahren 1835 und 1858 war es das Bestreben von Dr. August Witzschel, eine weitere Sammlung zusammenzutragen, da seiner Meinung nach den thüringischen Sagen, Sitten und Bräuchen immer noch nicht genug Beachtung geschenkt wurde. Um das Volkstum möglichst getreu wiederzugeben, bediente er sich möglichst ursprünglicher schriftlicher Quellen wie Chroniken und Archiven, aber auch anderer Sammlungen.
„Meine Absicht war und ist darauf gerichtet, alles was von alten Sagen, Gebräuchen und Glauben, geschichtlichen, lokalen und volksthümlichen Inhalts, in Thüringen unter dem Volke einst heimisch war oder in seiner Erinnerung noch lebt und in Uebung ist, möglichst vollständig und treu der Ueberlieferung in dieser Sammlung nieder zu legen." (Kleine Beiträge zur deutschen Mythologie, Sitten- und Heimathskunde in Sagen und Gebräuchen aus Thüringen. Gesammelt und herausgegeben von Dr. August Witzschel. Erster Theil: Sagen aus Thüringen. Wien 1866, Vorwort VIII)
Anna Hein

 

Der Wichtel wird aus dem Hause verbannt

 

In einem Bauernhause wohnte ein Wichtel, der den Leuten bei der Arbeit getreulich half und viele nützliche Dienste leistete. Der Kleine hatte nur die üble Gewohnheit, daß er bei den Kindern, wenn sie ihr Brod verzehrten, hungrig und verlangend stehen blieb und nicht von der Stelle wich; wenn aber ein Kind nur einen Augenblick sein Brod aus der Hand legte, so war er sogleich hinterdrein und hatte es im Nu verzehrt. Das verdroß Kinder und Eltern in gleicher Weise und man dachte ernstlich daran, wie man den schlimmen Gast aus dem Hause schaffen könnte. Da kommt einmal ein fremder Mann zu den Leuten, dem erzählen sie die Sache mit dem Wichtelmann und seine Naschhaftigkeit. „Da ist Rath zu schaffen", spricht der fremde Mann, „nehmt, wenn der Wichtel wieder bei den Kindern steht und ihnen das Butterbrod neidet, zwei Nussschalen, die eine mit Wasser gefüllt, gießt das Wasser aus der einen Schale in die andere, dann wieder aus dieser in die erste und thut das eine Zeit lang wieder. Der Wichtel wird dieser Arbeit nicht gar lange zusehen und bald auf und davon sein." Die Leute merkten sich das und bei der ersten Gelegenheit thaten sie, wie der Mann ihnen gesagt hatte. Der Wichtelmann sah eine kurze Weile erstaunt und verwundert zu, dann rief er aus: „Bin doch so alt als der Sülingswald und hab' mein Lebtage noch nicht solche Brauerei gesehn!", lief alsbald auch zur Thür hinaus und ward nie wieder in dem Hause gesehen.

 

 

---
Textquelle: Kleine Beiträge zur deutschen Mythologie, Sitten- und Heimathskunde in Sagen und Gebräuchen aus Thüringen. Gesammelt und herausgegeben von Dr. August Witzschel. Erster Theil: Sagen aus Thüringen. Wien 1866, S. 112 f.

Bildquelle: Christoph Waghubinger "Zwerg (Schloss Lamberg), (CC BY-SA 3.0 AT), wikipedia

Weitere Beiträge dieser Rubrik

Das Rennsteigrätsel
von Florian Russi
MEHR