Thüringen-Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
Thüringen-Lese
Unser Leseangebot

Weihnachten

Ein Fest der Familie und des Friedens

Florian Russi, Herbert Kihm (Hg.)

Alle Jahre wieder feiern wir das Weihnachtsfest im Kreise unserer Familie und lassen althergebrachte Traditionen in familiärer Atmosphäre aufleben. Doch wo hat das Fest seinen Ursprung, warum feiern wir Weihnachten und woher stammt der Christbaum?

Das liebevoll gestaltete Heftchen gibt Auskunft hierüber und enthält zudem eine kleine Sammlung der bekanntesten Weihnachtslieder. Des Weiteren Rezepte laden zum Kochen und Backen ein.

Ritter Dagobert

Ritter Dagobert

Florian Russi

In der Mitte Deutschlands herrschte einstmals der mächtige König Sigismund. Auch ein machtvoller König kann nicht überall zur gleichen Zeit sein. Daher hatte Sigismund den Schutz seines Reiches vielen Vasallen, Fürsten, Grafen, Rittern und Edelmännern anvertraut.

In der Gegend des Thüringer Waldes kam es besonders häufig vor, dass Reisende von Raubrittern oder Wegelagerern überfallen wurden. Deshalb war Sigismund froh, in dem tapferen Edelmann Dagobert jemand gefunden zu haben, der ihm versprach, die Handels- und Reisewege im südlichen Thüringen von Räubern frei zu halten. Mit zwanzig schwer bewaffneten Reitern kontrollierte Dagobert von da an das Gebiet zwischen Schmalkalden und Greiz und verbreitete unter den Räuberbanden Angst und Schrecken.

Eines Tages traf er auf die gefürchtete Rotte des „einäugigen Kunibert“, der schon dutzende Überfälle auf Handlungsreisende und andere wohlhabende Bürger oder Bauern auf dem Gewissen hatte. Dagobert stieß Kunibert mit einer Lanze nieder. Dann sah er, dass sich in Kuniberts Begleitung ein junger Mensch mit einem hübschen Gesicht befand und sofort Reißaus nahm, als Kunibert zu Boden stürzte. Dagobert folgte dem schönen Gesicht und hatte es bald eingeholt.

Er zerrte den Räuber nieder und riss ihm die Kleider vom Leib. Es war kein Mann, sondern Kuniberts Tochter, Rosita, die er in seinen Armen festhielt. Rosita flehte ihn an, sie zu schonen. Doch er vergewaltigte sie auf brutale Weise.

Wenig später begleitete Dagobert mit seinem Trupp einen Zug von drei Kaufleuten, die auf dem Weg von Fulda nach Magdeburg waren. Durch das ihm vom König anvertraute Gebiet gewährte er dem Zug Geleitschutz. Nachdem sie jedoch die Grenze Richtung Erfurt überschritten hatten, fiel er mit seinen Männern über die Kaufleute her, raubte sie aus und tötete sie.

Außer ihm und seinen Spießgesellen hatte niemand den Überfall überlebt. So gab es keine Zeugen für das Verbrechen, und Dagobert stieg weiter in der Achtung des Königs. In Anerkennung seiner Verdienste schlug Sigismund ihn zum Ritter und belehnte ihn mit der Burg Falkenstein. Der so Geehrte bedankte sich mit wertvollen Geschenken und lud den König ein, ihn im folgenden Jahr auf seiner Burg zu besuchen.

Bevor er sein neues Besitztum besichtigte, suchte Dagobert den in Ilmenau lebenden Wundarzt Andreas auf. Der untersuchte ihn lange und musste feststellen, dass der Ritter an einer verhängnisvollen Lustseuche litt. „Das Leiden kann ich nur ein wenig lindern“, sagte er zu ihm. „Heilen lässt es sich nicht.“

Da empörte sich Dagobert, und er erschlug den Arzt auf der Stelle. Während seiner Weiterreise steckte er zwei Bauernhöfe in Brand. „Mit mir meint es auch niemand gut“, befand er gegenüber seinen Kumpanen.

Nachdem Burg Falkenstein erneuert, ausgebaut und verschönert worden war, ließ König Sigismund seinen Besuch ansagen. Er erschien mit gewaltigem Hofstaat und mehreren seiner Vasallen. Der neue Burgherr bewirtete sie mit ausgesuchten Speisen und Getränken. Als der König und sein Gefolge sich nach durchzechter Nacht zu Bett begaben, war die Ruhe, zu der sie sich legten, zugleich ihre letzte. Der Ritter hatte das Essen seiner Gäste vergiften lassen.

Als die Grafen, Herzöge und überlebenden Vasallen aus dem Land König Sigismunds von dessen Tod erfuhren, empörten sie sich sehr und beschlossen, sein Reich unter sich aufzuteilen. Dagobert lud sie deshalb zu einer Friedenskonferenz auf die Burg Falkenstein. Alle Geladenen erschienen gut bewaffnet und in Begleitung ihrer Leibköche. Es gab viel Streit untereinander über die Neuzuschnitte der Herrschaftsgebiete, doch die Verhandlungen schritten trotzdem zügig voran.

Eines Abends erschien eine hübsche junge Frau am Burgtor und sagte, dass Dagobert sie für die Nacht zu sich bestellt habe. Der Ritter war nicht zu erreichen, doch seine Diener kannten seine Vorliebe für kurze Buhlschaften. So untersuchten sie das spärliche Gepäck der Frau und ließen sie eintreten.

In einem unbewachten Augenblick schlich sie sich in das Schlafzimmer des Burgherrn, und als dieser am Morgen betrunken dort eintrat, zückte sie aus ihrem Mieder einen Dolch und erstach ihn. Dagoberts brechende Augen erkannten in einem kurzen Aufflackern Rosita wieder, das Mädchen, das er vergewaltigt hatte und das ihm immer wieder in Träumen erschienen war.

 

*****

Entnommen aus: Russi, Florian: Der Drachenprinz: Geschichten aus der Mitte Deutschland, Weimar: Bertuch Verlag, 2004.

Vorschaubild: illustrations/mittelalterlich-ritter-rüstung-helm-1753740/, Urheber: Brigitte Werner auf Pixabay

Weitere Beiträge dieser Rubrik

Sage vom „Mordgarten“
von Anette Huber-Kemmesies
MEHR
Der Reichmacher
von Florian Russi
MEHR
Werbung:
Unsere Website benutzt Cookies. Durch die weitere Nutzung unserer Inhalte stimmen Sie der Verwendung zu. Akzeptieren Weitere Informationen