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Der Drachenprinz
Florian Russi
Der Drachenprinz

Geschichten aus der Mitte Deutschlands, mit Zeichnungen von Dieter Stockmann, Bertuch Verlag Weimar 2004.

52 Erzählungen und neue Sagen aus Thüringen, darunter auch die nebenstehende Erzählung "Der letzte Wolf".

Der letzte Wolf

Der letzte Wolf

Florian Russi

Vor 150 Jahren gab es noch Wölfe im Thüringer Wald, auch Bären und Luchse. Die Raubtiere wurden von Jägern verfolgt und gejagt und zum Teil regelrecht abgeschlachtet, da sie unter anderem als natürliche Fressfeinde von Hirschen und Rehen Konkurrenz für das Jagdwesen darstellten.
Im Gegensatz zu den Volksmärchen vom bösen und gefährlichen Wolf erzählt die Geschichte vom letzten Wolf den traurigen Niedergang der schönen und den Menschen gegenüber friedlichen Tieren im Thüringer Wald.

Anna Hein

 

Der letzte Wolf

 

Mehr als zweihundert Jahre ist es her, dass man von der Höhe des Schneekopfes zum letzten Mal Wolfsgeheul hörte. Im Thüringer Wald, wo in früheren Zeiten viele Wölfe gelebt hatten, war Bero der letzte Überlebende. Nun verabschiedete er sich, ohne so recht zu wissen von wem. Eine gemeinsame Verschwörung von Bauern, Förstern, Bürgermeistern, Grafen und Fürsten hatte alle seine Artgenossen zur Strecke gebracht. Nun trachteten die Menschen auch nach Beros Leben.
Im ganzen Land hatten Jäger und Wildhüter Fallen aufgestellt. In eine solche Falle war auch Lewa, Beros schöne Gefährtin, geraten. Sie hatte gerufen, geheult, elendig gejammert und gewinselt. Er hatte ihr schmerzverzerrtes Gesicht gesehen. Als er bei ihr anlangte, hatte sich ein kurzer Funken Hoffnung in ihren Augen gezeigt. Doch als er sah, wie sie mit beiden Vorderpfoten von den eisernen Griffen der Falle umklammert wurde, wie ihr Flanken aufgerissen, das Fell zerfetzt war und sie aus vielen tiefen Wunden blutete, da wusste er, dass er ihr nicht helfen konnte.
Er, Bero, war der Erfahrenste unter den Wölfen. Vielleicht deshalb hatte er jede Fallenstellerei überlebt. Wenn er totes Wild oder Aas roch, ging er immer mit besonderer Vorsicht zu Werke. Die Menschen verhielten sich so niederträchtig. Sie töteten Tiere, nicht um sie zu essen, sondern um Wölfe damit anzulocken und sie einem grausamen Tod auszuliefern. Einmal, als er in der Nähe eines Dorfes umherstreunte, hatten sogar Kinder eine selbst gefertigte Wolfsfalle aufgestellt. Als sich dann aus Unachtsamkeit eines von ihnen selbst darin verfing und fürchterliche Wunden davontrug, gaben dessen Eltern nicht ihrem Kind, sondern den bösen Wölfen die Schuld.
Bero und sein Rudel waren daraufhin weit weg gezogen. Sie waren bereit, den Menschen auszuweichen, wenn diese ihnen nur ein wenig Raum für eine kleine Existenz ließen. Doch bald darauf tauchten Jäger in den Wäldern auf und ließen eine Meute von Hunden los, die über Beros Gefolge herfielen und die meisten Wölfe in Stücke rissen. Bero und Lewa hatten fliehen können. Gegenüber den Menschen und ihren Häschern blieb ihnen immer nur die Flucht.
Warum ließen sich die Hunde auf solch hinterhältiges Tun ein? Waren ihre Vorfahren nicht auch Wölfe, genau wie Lewa und Bero? Was war es, das Wölfe und Hunde so verschiedene Wege hatte gehen lassen? Warum gehörten er und seine Gefährtin nicht auch zu denen, die von den Menschen gestreichelt, gelobt und gefüttert wurden? „Meine Freiheit ist mir das Wichtigste", pflegte Lewa zu knurren. Was aber war die Freiheit noch wert, wenn überall Fallen herumstanden. Wie oft hatte er sich gewünscht, ein Hund zu sein. Doch er war ein Wolf, inzwischen der einzige sogar, erfahren zwar, aber auch uralt geworden. Jetzt blieb ihm nur noch die Zeit, seine letzten Dinge zu regeln.
Er lief noch einmal das Revier ab, in dem er zuletzt gelebt und gejagt hatte. Hier hatte er mit Lewa seine schönste Zeit verbracht. Hier gab es für sie ein Auskommen, sichere Verstecke, klare und muntere Quellen und Bäche, aus denen sie trinken, und Felsen, auf denen sie sich bei Sonnenschein wärmen konnten.
Instinktiv wollte er sein Revier markieren. Doch er fühlte, dass dies seinen Zweck verloren hatte. Schon in wenigen Tagen würden sich die Gerüche verzogen haben. Niemand würde mehr wissen, dass hier einmal Bero und seine schöne Lewa eine Heimat gefunden hatten.
Was würde von ihm übrig bleiben und für wen war es überhaupt wichtig, dass etwas von Bero erhalten blieb? Er konnte tun, was er wollte: irgendwann würde sich jede Erinnerung an ihn verflüchtigt haben. Also ging es allein darum, die Dinge zu tun, die es jetzt und für ihn selbst zu regeln galt.
Zwei saftige Fleischstücke hatte er irgendwo in den Wäldern als Vorrat vergraben. Füchse würden sie finden, die seine nächsten Verwandten waren, nachdem die Hunde sich des Erbes als unwürdig erwiesen hatten. Sie sollten sich die Vorräte angedeihen lassen.
Sein genetisches Erbe weiterzugeben war nicht mehr möglich, seitdem er die anmutige und hübsche Lewa unter so traurigen Umständen verloren hatte. Außerdem hätten seine Kinder dieselben traurigen Umstände vorgefunden wie er. Warum hatte sich überall der Mensch durchgesetzt, warum gab es für den Wolf keinen Platz mehr? Eine Antwort auf seine Fragen fand Bero nicht.
Wölfe waren nicht nichtswürdig. Wie kaum ein anderes Lebewesen hatten sie Treue und Loyalität auf die Erde gebracht. Das waren Tugenden, ohne die auf Dauer keine Gemeinschaft bestehen kann und ohne die kein Leben Sinn macht. Bero war stolz darauf.
Dann schüttelte er sich bei dem Gedanken, dass es ausgerechnet die Hunde sein sollten, welche Treue und Loyalität an die zukünftigen Generationen weitergeben würden. Von der Sache her fand er es gut, doch es war schwer für ihn einzusehen, warum nicht er und seine Rudelkameraden dazu berufen worden waren. Ihm bleib nur noch eins, in Würde, und das hieß als Wolf Bero und als letzter seines Stammes, in Frieden dahingehen zu können.
Er war auf dem Gipfel des Schneekopfes angelangt und genoss noch einmal den Blick über das weite Land. Aus tiefer Brust stimmte er ein letztes Geheul an. Er klagte, dankte zugleich und verabschiedete sich.
Noch in der Ferne waren seine Laute zu hören. Als er sie wiederholen wollte, fehlte ihm dazu die Kraft. Nur ein kurzer, leiser Ton, der wie ein Ausdruck des Erstaunens klang, war noch zu vernehmen. Dann legte er sich nieder und regte sich nicht mehr. 

 

 

Textquelle: Florian Russi "Der Drachenprinz", Weimar 2004, S. 161-163.
Bildquelle: Bernard Landgraf, gemeinfrei, Wikipedia

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