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Weihnachten

Ein Fest der Familie und des Friedens

Florian Russi, Herbert Kihm (Hg.)

Alle Jahre wieder feiern wir das Weihnachtsfest im Kreise unserer Familie und lassen althergebrachte Traditionen in familiärer Atmosphäre aufleben. Doch wo hat das Fest seinen Ursprung, warum feiern wir Weihnachten und woher stammt der Christbaum?

Das liebevoll gestaltete Heftchen gibt Auskunft hierüber und enthält zudem eine kleine Sammlung der bekanntesten Weihnachtslieder. Des Weiteren Rezepte laden zum Kochen und Backen ein.

Die Tonscherbe

Die Tonscherbe

Florian Russi

Ein alter Mann fühlte seinen Tod nahen und rief seinen Sohn zu sich an sein Sterbebett. »Mein lieber Peter«, sagte er zu ihm, »leider kann ich dir nicht viel vererben. Ich bin arm geboren und mein ganzes Leben lang unbegütert geblieben. Nue eines will ich dir geben, eine Tonscherbe. Mit der verhält es sich so: Im vergangenen Krieg hatte ich mich als Söldner verdungen und die Aufgabe übernommen, zusammen mit meinem Feldkameraden Ewald die Kriegskasse zu bewachen. Eines Tages wurde unser Lager überfallen. In Panik flohen unsere Kameraden in alle Himmelsrichtungen.

Die Kriegskasse befand sich in einer schweren, in Leder gebundenen Eichentruhe. Die haben Ewald und ich auf ein Maultier geladen und in einen nahe gelegenen Wald gebracht. Dort fanden wir nach einigem Suchen eine Höhle und darin ein tiefes Erdloch. In dieses haben wir die Truhe versenkt. Dann haben wir einen Plan gezeichnet, damit wir die Höhle wiederfinden sollten. Den Plan haben wir in zwei Hälften geschnitten, so dass nur derjenige die Stelle wiederfindet, der beide Teile zusammenfügen kann. Jeder von uns hat eine Hälfte an sich genommen. Wir haben uns gegenseitig geschworen, den Schatz nur gemeinsam und erst dann zu heben, wenn die Wirren des Krieges ein wenig in Vergessenheit geraten wären.

Dann zogen wir nach Bürgel, ließen uns von einem Töpfer eine Tonscheibe brennen und diese kunstvoll in zwei Teile brechen. Den einen Teil habe ich, den anderen Ewald bekommen. Wir haben uns gesagt: ›Nach sieben Jahren wollen wir uns am Tag nach Mittsommernacht wieder in Bürgel treffen und dann losziehen, um den Schatz zu heben.‹ Sollte einer von uns krank werden oder sterben, würde er die Tonscherbe seinem ältesten Sohn vererben. Die sollte dann mit der anderen zusammengefügt als Erkennungszeichen dienen.

Der Töpfer hatte uns erzählt, dass sich im alten Griechenland auf diese Weise Handelspartner, Seefahrer und Gastfreunde auch nach vielen Jahren wiedererkannt hätten. Dafür sei der Name ›Symbolon‹ gefunden worden, womit das Zusammenfügen der Tonscherben gemeint gewesen sei.

Nun sind sieben Jahre vergangen. Nie kam in dieser Zeit eine Obrigkeit und hat mich nach dem Schatz gefragt. Er scheint vergessen worden zu sein. Doch bin ich zu schwach, mich mit Ewald zu treffen. Geh du nach Bürgel und frage nach dem Töpfer Engelbert. Da will auch Ewald hinkommen und seinen Teil der Tonscheibe mitbringen. So wirst du ihn erkennen. « Der Vater übergab seinem Sohn ein vergilbtes Papier. »Füge dieses Papier mit dem zusammen, das Ewald bei sich haben wird. Dann werdet ihr den Weg zu der Schatztruhe finden. «

Der Sohn nahm die tonscheibe und die Planhälfte an sich. Um pünktlich zu sein, sattelte er schon zwei Tage vor Mittsommernacht sein Pferd und machte sich auf die Reise. Als er kurz darauf durch einen Wald ritt, wurde er von Gernot, seinem Nachbarn, überfallen und getötet. Gernot hatte das Gespräch zwischen Vater und Sohn zufällig mit angehört. Seine Gier nach Gold und Silber war stärker als sein Gewissen und so entschloss er sich, die Tonscherbe und den Plan an sich zu reißen und sich gegenüber Ewald als Sohn und Erbe seines Söldner-Kollegen auszugeben. Er ritt nach Bürgel, fragte nach dem Töpfer Engelbert und traf dort tatsächlich auf Ewald, der sein eingehend nach seinem ehemaligen Feldkameraden erkundigte. Gernot konnte ihm vieles berichten, denn als Nachbar hatte er so einiges aus dem Leben des alten Söldners mitbekommen. Zufrieden stellte er fest, dass Ewald offensichtlich keinen Verdacht schöpfte. Warte, wenn wir den Schatz geborgen haben, werde ich auch dich töten, und das ganze Geld wird mir allein gehören, dachte Gernot zufrieden.

Sie fügten ihre Scherben aneinander und dann die beiden Teile des Planes. Alles passte zusammen, und so brachen sie auf, um den Schatz zu heben. Der Wegeplan war nicht sehr genau, man merkte, dass er von Laien angefertigt worden war. An einer Stelle waren drei Birken eingezeichnet, doch es stand nur noch eine einzige da. Ein Pfad, den sie nehmen mussten, war inzwischen zugewachsen und dornigen Hecken überwuchert. Dennoch fanden sie die Höhle und darin das Erdloch, in das die beiden Söldner die Truhe versenkt hatten. »Da unten liegt der Schatz«, rief Ewald und gab Gernot einen Stoß, so dass dieser Kopf über in das Erdloch fiel. Es war zu tief und seine Wände zu steil, als dass er allein wieder hätte herausklettern können.

»Warum hast du das getan? « stöhnte Gernot, der sich beim Sturz schwer verletzt hatte, empört und verwundert.

»Denkst du, ich hätte sieben Jahre auf dich gewartet? «, antwortete Ewald. »Längst habe ich die Truhe allein gehoben. Dazu brauchte ich weder den Plan noch die Tonscherbe. Die Natur hat mich mit einem hervorragenden Gedächtnis ausgestattet. Was ich einmal gesehen hab, erkenne ich immer wieder. Im Krieg haben dein Vater und ich viele Menschen getötet. Erbarmen kannten wir nicht. Nun bist du mein letztes Opfer. Jetzt ist der Krieg auch für mich zu Ende. «

Er warf seine Hälften des Plans und der Tonscherbe ins Erdloch und fügte hinzu: »Ohne diese Erkennungszeichen hätte ich wirklich nicht wissen können, welches lebenden Mitwissers ich mich noch hätte entledigen müssen. «



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Bildquelle:

Vorschaubild: Bürgel (Thüringen), Ortsbild, 2003, Urheber: Dguendel via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0.

um baú pequeno de madeira, unido com tiras de couro e detalhes de metal, 2008, Urheber: AurelioAHeckert via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0.

The Runde treasure, 2012, Urheber: Chell Hill via Wikmedia Commons CC BY-SA 3.0.


Textquelle:

Text entnommen aus: Russi, Florian, Der Drachenprinz, Weimar: Bertuch Verlag, 2004, S.143-145.

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