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Der Drachenprinz von Florian Russi
Florian Russi
Der Drachenprinz

Geschichten aus der Mitte Deutschlands, mit Zeichnungen von Dieter Stockmann, Bertuch Verlag Weimar 2004.

52 Erzählungen und neue Sagen aus Thüringen, darunter auch die nebenstehende Erzählung "Das Rennsteigrätsel".
Das Rennsteigrätsel

Das Rennsteigrätsel

Florian Russi

Der Rennsteig, der jedes Jahr von Tausenden von Wanderern begangen wird, wurde vor langer Zeit vom Riesen Golko bewacht. Golko stand vor einem Felsen und hielt eine mächtige Keule in der Hand. Jedem, der vorbeiziehen wollte, versperrte er den Weg und fragte: »Was geht, bevor es kommt? Was ist weiß, weil es schwarz ist, und warum ist beides ein und dasselbe?« Konnte der Betreffende die Frage nicht beantworten, so ließ er ihn nicht weitergehen und erschlug ihn mit seiner Keule. Golko behauptete, er sei vom göttlichen Drachen Amar beauftragt worden, niemanden den Rennsteig passieren zu lassen, der das gestellte Rätsel nicht lösen könne. In den Felsen hatte er eine Raute geritzt und da hinein ein Kreuz und die Zahlen eins, drei, sieben und zwölf. Das Zeichen und die darin vermerkten Zahlen stellten, so behauptete er, eine wesentliche Hilfe bei der Aufschlüsselung des Rätsels dar.
Das Rennsteigrätsel - Zeichnung von Dieter Stockmann (eingefärbt)
Das Rennsteigrätsel - Zeichnung von Dieter Stockmann (eingefärbt)

Der Riese Herro kam nichts ahnend an die Stelle, an der Golko lagerte. »Löse das Rätsel«, forderte Golko ihn auf. »Das kann ich nicht«, antwortete Herro und wollte umkehren. Doch Golko erschlug ihn von hinten mit der Keule.

Vor allem aber Menschen waren es, die den Rennsteig hinab- oder hinaufziehen wollten. Doch keiner konnte Golkos Fragen beantworten. Dann machte sich Golko einen Spaß daraus, die armen Wesen mit einem Schlag in eine breiförmige Masse zu verwandeln.

Den Riesen gefiel Golkos Verhalten genauso wenig wie den Menschen. Sie überlegten untereinander, was zu tun wäre, um Golko zu überlisten. Keiner getraute sich, Golko zum Kampf herauszufordern, war dieser doch unermesslich stark und stand mit Amar, dem göttlichen Drachen, im Bunde.

Eines Nachts, als sie annehmen konnten, dass Golko schlief, wollten sich fünf junge Riesenburschen an ihm vorbeischleichen. Doch plötzlich stolperten sie. Golko hatte ein Seil quer über den Wanderweg gespannt und Glocken daran aufgehängt. Durch das Geläute geweckt, sprang er auf, stellte die üblichen Fragen und erschlug, da die Burschen keine Antwort wussten, den gesamten hoffnungsvollen Riesennachwuchs.

Da brach ein wildes Geheul aus unter den Hinterbliebenen. Einige zogen zum Großen Beerberg, auf dem der göttliche Drache Amar residierte. Dort fielen sie auf die Knie und baten inständig um sein Erbarmen. »Halte Golko vom Rennsteig fern oder verrate uns die Lösung des Rätsels«, flehten sie ihn an.

»Ich habe Golko das Versprechen gegeben, nur ihm die Lösung anzuvertrauen«, antwortete Amar. »Die Antwort ist schwer, aber irgendwann findet jedes Rätsel eine Lösung. Wenn ihr bis dahin nicht warten wollt, müsst ihr versuchen, Golko zu überlisten. Gelingt euch dies auch nur ein einziges Mal, so darf Golko keinen mehr von euch erschlagen.« »Wir haben es schon vergeblich versucht«, riefen die Riesen voller Verzweiflung. Doch Amar wollte ihnen keinen weiteren Hinweis geben. Auf dem Heimweg dachten sie sich allerlei Listen aus, jedoch war keine darunter, die sie hätte zufrieden stellen können. Eines Tages hatte sich das Riesenmädchen Alina von weit her verlaufen und kam unversehens zu der Stelle, wo Golko Wache hielt. »Halt«, rief Golko, »Was geht, bevor es kommt? Was ist weiß, weil es schwarz ist, und warum ist beides ein und dasselbe?« »Das kann ein kleines Mädchen wie ich doch nicht wissen«, stotterte da Alina voller Schrecken vor dem plötzlich auftauchenden Ungetüm. Golko hob seine Keule, doch dann sah er, wie schön Alina war, und auf der Stelle verliebte er sich in sie. »Die Antwort ist richtig«, sagte er deshalb, »aber sprich mit niemandem darüber.«

Er ließ Alina ihren Weg fortsetzen und traf mit ihr eine Verabredung für den kommenden Sonntag.  

Merton, ein anderer Riese, hatte in der Nähe heimlich gelauscht und trat nun ebenfalls vor Golko. »Löse mir das Rätsel«, forderte dieser ihn auf. »Das kann ein kleines Mädchen wie ich doch nicht wissen«, gab Merton zur Antwort.

Da schlug sich Golko wütend mit der Keule auf den eigenen Fuß und humpelte fluchend und schreiend zu einem Felsen, um sich darauf niederzulassen. Sofort kam Amar herangeflogen und sagte zu ihm: »So kommt‘s, wenn man sich Hals über Kopf verliebt. Jetzt darfst du keinem von deinen Stammesbrüdern und -schwestern mehr etwas zu Leide tun.«

»Also werde ich nur noch Menschen erschlagen«, sagte Golko grimmig zu sich selbst und wartete auf den nächsten, der herankommen würde. Es war der kleine Schneiderlehrling Melchior, der, ein Lied pfeifend, vorbeiziehen wollte. »Was geht, bevor es kommt? Was ist weiß, weil es schwarz ist, und warum ist beides ein und dasselbe? Löse das Rätsel oder ich schlage dich auf der Stelle tot«, rief Golko.

»Dann muss auch eine Gegenfrage erlaubt sein«, antwortete Melchior. »Wenn du sie nicht richtig beantworten kannst, musst du mich durchlassen oder du wirst von mir erschlagen.« Da musste Golko fürchterlich lachen und ließ sich auf Melchiors Herausforderung ein. »Das Rätsel, das du mir gestellt hast, wird man erst in zehntausend Jahren lösen können«, sagte Melchior. »Erst dann ist die Weisheit aller Menschen auf demselben Stand wie deine schon heute. Meine Frage an dich aber lautet: Wie viel ist einmal-eins?« Da schlug sich Golko lachend aufs Knie und prustete heraus: »Natürlich eins, was denn sonst?« »Falsch«, entgegnete Melchior, »die richtige Antwort ist nicht eins.« »Wie lautet sie denn, wenn nicht eins?« fragte Golko verblüfft. »Das sage ich dir nur, wenn du mir vorher die Lösung deines Rätsels verrätst. So du ein redlicher Partner sein willst, musst du für dich und mich die gleichen Regeln gelten lassen.«

Da erinnerte sich Golko, dass Amar gedroht hatte, ihn bis zur Unkenntlichkeit mit Feuer zu bespeien, wenn er jemanden erschlagen würde, der klug genug wäre, ihn zu überlisten. Er wollte Amar herbeirufen und ihm Melchiors Frage zur Entscheidung vorlegen, doch er wusste, dass Mathematik - oder war es Philosophie? - nicht des Drachens Stärken waren. Stattdessen fand sich Golko damit ab, dass es noch andere Beschäftigungen gab, als fremde Menschen tot zu schlagen. Er warf seine Keule weit von sich und machte sich auf die Suche nach Alina.


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Text und Zeichnung aus: Florian Russi, Der Drachenprinz, Bertuch Verlag Weimar 2004,
ISBN 978-3-937601-08-3

 

 

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