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André Barz
Kennst du E.T.A. Hoffmann?

"Erlaubst du, geneigter Leser, ein Wort? Hättest du nicht Lust auf einen Tee oder eine heiße Schokolade? Vielleicht magst du aber auch lieber einen Punsch, so wie ich?"

Dieses Buch, versehen mit allerlei Bildern und Zeichnungen, macht es leicht E.T.A. Hoffmann kennenzulernen. Das Beste daran ist, der "erste Fantasy-Dichter" erzählt ganz persönlich sein Leben, davon, wie er eigentlich Musiker werden wollte und dann doch Schriftsteller geworden ist, obwohl ihn das nie interessiert hat, und von seinen Erfahrungen mit der Liebe. Nebenbei gibt er einige seiner Märchen und Erzählungen zum besten.

Der Saurier von Hildburghausen

Der Saurier von Hildburghausen

Thomas Handschel

Ein aufsehenerregender Zufallsfund

Seitenrückansicht der Rekonstruktion des Ursauriers
Seitenrückansicht der Rekonstruktion des Ursauriers

Wahrscheinlich wollte Friedrich Sickler (1773-1836), der Direktor des Hildburghäuser Gymnasiums, im Frühjahr 1833 nur ein wenig die Bauarbeiten zur Errichtung der Grundmauern seines Gartenhauses beaufsichtigen. Doch dann zogen auf einmal die von den Arbeitern verwendeten Sandsteinquader seine ganze Aufmerksamkeit auf sich. Gut möglich, dass er sich zunächst ungläubig die Augen rieb, denn auf den Steinen waren ganz deutlich Fußabdrücke eines ihm unbekannten Wesens zu erkennen. Durch die Bearbeitung der Steine zu Baumaterial hatten die Spuren natürlich Schaden genommen; auch waren die Quader zu klein, um genauere Rückschlüsse zu ziehen. Neugierig geworden, bat Sickler die Arbeiter, bei der Gewinnung weiteren Baumaterials im Steinbruch auf ähnliche Spuren zu achten und ihm gegen Bezahlung die entsprechenden Sandsteinplatten - möglichst ohne Beschädigung und in großflächigeren Stücken - zu bringen. Als Fundort erwies sich ein östlich von Hildburghausen gelegener Steinbruch bei Heßberg. Diesen bewirtschaftete der Steinhauermeister Friedrich Winzer.

An der Rekonstruktion der Fährtenfläche angebrachte Informationstafel
An der Rekonstruktion der Fährtenfläche angebrachte Informationstafel

Nun wollte es der Zufall, dass Sickler zu der Zeit im Sommer, als die Bauarbeiter ihm neue Sandsteinplatten mit fossilen Abdrücken zustellen wollten, gerade in Karlsbad weilte, um sich und seiner angeschlagenen Gesundheit eine Erholungskur zu gönnen. So kam es, dass sich zunächst sein Bekannter, der Arzt Carl Hohnbaum (1780-1855), um diese Angelegenheit kümmerte. Auch der für das Bibliographische Institut in Hildburghausen tätige Zeichner und Kupferstecher Carl Barth (1787-1853) engagierte sich umgehend für die Bergung und Sicherung der Platten mit den fossilen Trittspuren. Das fand schon 1835 seine Würdigung, als der Zoologieprofessor Johann Jakob Kaup (1803-1873) nach ihm die größeren der Fossilspuren „Chirotherium barthii" („Barth?sches Handtier") benannte. Die bis heute in der Wissenschaft verwendete Bezeichnung „Handtier" rührt vor allem daher, dass die gefundenen Trittsiegel einer menschlichen Hand ähneln. Die erhabene, reliefartige Form der Spuren, wie wir sie z. B. auf Abbildungen sehen, zeichnet sich auf der Unterseite der geborgenen Steinplatten ab. Auf diesen findet man die Spuren mehrerer Tiere (von mindestens fünf oder sechs der Gruppe „Chirotherium barthii"), deren Fährten sich z. T. überkreuzen oder sogar entgegengesetzt verlaufen. Daneben existieren auf  den Steinplatten noch weitere Eindrücke und Fährten anderer urzeitlicher Tiere. Eine der kleineren, häufig auftretenden Fährtenformen ordnet man dem „Chirotherium sickleri" („Sickler?sches Handtier") zu, weitere stammen z. B. vom „Rotodactylus".

Blick vom Markt auf die Gesamtanlage (rechts Mauer des Rathauses)
Blick vom Markt auf die Gesamtanlage (rechts Mauer des Rathauses)

Nach den ersten Funden fiel es Friedrich Sickler nicht schwer, in der „Schulstadt" Hildburghausen eine Gruppe naturkundlich Interessierter um sich zu vereinen, die ihn bei seinem Projekt der Bergung und Erschließung der urzeitlichen Spuren im Steinbruch bei Heßberg unterstützten und zur Finanzierung einen Fond gründeten, aus dem die entsprechenden Arbeiten von Steinhauermeister Winzer und seinen Beschäftigten gebührlich entlohnt werden konnten.

Waren zuvor eher kleine Bruchstücke mit wenigen Einzelspuren zutage gefördert worden, bemühte man sich nun erfolgreich um die Herauslösung großer Sandsteinplatten mit zahlreicheren Abdrücken und zusammenhängenden Fährtenflächen. Eine dieser größeren Platten ließ Sickler im Hildburghäuser Gymnasium aufstellen, wo sie noch heute zu finden ist.

Rätseln über den Verursacher der Fährten

1834 fasste Sickler die bislang gewonnenen Erkenntnisse über die „Reliefs der Fährten urweltlicher, großer und unbekannter Thiere" auf den Steinplatten zusammen und veröffentlichte sie in einem „Sendschreiben" an - den aus Gotha stammenden und in Göttingen wirkenden - Professor Johann Friedrich Blumenbach (1752-1840), der als einer bedeutendsten Anatomen, Anthropologen und Zoologen seiner Zeit gilt. Diese Publikation enthält neben einer ausführlichen Beschreibung der Funde (mit einer detailgetreuen Zeichnung) auch eine erste Deutung der Fährten („Thiertazzenreliefs"). Für besonders erwähnenswert hielt Sickler die Beobachtung, dass zu ein und demselben Tier große und kleine „Tazzen" (Tatzen) gehören. In diesem Zusammenhang schrieb er: „Die ganze Last des Thieres scheint auf d[er] grossen Tazze vorzüglich geruht zu haben: denn sie erscheint immer am schärfsten ausgedrückt und am stärksten im Relief. Ziemlich nah vor ihr, in dieser Fährte stets in der bestimmten Entfernung von anderthalb Zoll, steht [...] die kleine,  demselben Thiere ehemals zugehörige Tazze. Demnach scheint sie, die Breite etwa ausgenommen, zur grossen Tazze kaum in dem Verhältnisse der Hälfte zum Ganzen sich zu befinden." Sickler schlussfolgerte aus seinen Beobachtungen, dass das Tier mit den vorderen Tatzen „sich nur ganz leicht gestützt oder bloss gespielt zu haben [scheint]."  

Fährten im Flur des Hildburghäuser Gymnasiums Georgianum
Fährten im Flur des Hildburghäuser Gymnasiums Georgianum

Die Frage, welches Geschöpf diese Fährten hinterlassen haben könnte, beantwortete Sickler etwas fantasievoll mit der These, dass es sich wohl um ein zur „Familie der Quadrumanen [Vierhänder] gehörendes Thier" handele, also um einen prähistorischen Affen. Nun, Sickler war eben in erster Linie ein versierter Altertumswissenschaftler und Philologe. Zudem steckte die Paläontologie (Wissenschaft von den Fossilien) damals noch in den Kinderschuhen. Der schon erwähnte Zoologe Kaup, dem eine  der Gesteinsplatten zur Ansicht vorlag, meinte: „Das Thier scheint mir ein riesenmässiges Beutelthier mit Daumen an Hinter- und Vorder-Füssen." Auch das traf es wohl nicht. Aber Kaup hat 1835 mit seiner Bezeichnung „Chiroterium Barthii" die  - laut Einschätzung des Paläontologen Hartmut Haubold -  „weltweit erste und bis heute gültige paläobiologische Benennung fossiler Tierfährten nach den Prinzipien der binären Nomenklatur" (Gattung und Art) geliefert, auch wenn sich Kaup damals für den Fall, dass es „ein Amphibium wäre", noch die Hintertür offenhielt, „den Namen in Chirosaurus umzuwandeln". Bekanntlich kam es nicht dazu.

Sicklers Bemühungen, die fossilen Fährtenfunde aus dem Heßberger Sandsteinbruch publik zu machen, stießen auf ein starkes Echo in der Gelehrtenwelt. Innerhalb weniger Jahre entstand eine Fülle von Berichten und Aufsätzen zum Thema; das Interesse riss auch danach nicht ab.  Sogar in einer „Poetischen Etikette", die der Dichter Eduard Mörike (1804-1875) auf Wunsch des Paläontologen Albert Oppel (1831-1865) um 1856 verfasste, kommen die „handförmigen Fußstapfen eines noch unbestimmten Tieres" vor. Die ersten vier Verse von Mörikes Gedicht lauten:

„Ob Riesenfrosch, ob Beuteltier

War leider noch nicht zu ergründen;

Die klare Fährte hätten wir,

Doch nur ein Oppel wird die Bestie selber finden."

(Eduard Mörike: Sämtliche Werke. Zweiter Band: Gedichte-Nachlese. Callwey-Verlag, München um 1906, S. 125)

Vorderansicht der  Bronzeplastik
Vorderansicht der Bronzeplastik

All diese Hinweise und Nachrichten weckten das Bedürfnis von zahlreichen Wissenschaftlern und Einrichtungen, selbst eine solche Platte mit Fährten in ihren Besitz zu bekommen. Kein Wunder also, dass in kurzer Zeit zahlreiche dieser Originalplatten europaweit veräußert wurden. So verständlich die Besitz- und Sammelleidenschaft vieler Museen auch war, sie führte dazu, dass der große Zusammenhang der fossilen Spuren und Fährten erst einmal verlorenging. Zwar hatte der Steinbruchbetreiber Winzer, für den der Versand der Platten sicherlich auch ein lohnenswertes Geschäft war, einen Übersichtsplan über den Fährtenverlauf erstellt und darauf in rund 30 Fällen auch den Verbleib der Originalplatten vermerkt, aber es sollte sich später herausstellen, dass dieser Plan leider ungenau war. Zumindest aber konnte man der von Winzer angefertigten Übersicht entnehmen, dass alle herausgebrochenen fährtenhaltigen Sandsteinplatten ursprünglich eine mehr als 100 m2 umfassende Fläche bildeten.

Der Steinbruch bei Heßberg war keineswegs der einzige Fundort von Chirotherien-Fährten. Abgesehen von weiteren Vorkommen im Hildburghäuser Raum (so konnten z. B. beim Bau der Badeanstalt in Hildburghausen 1932/33 solche Fährten durch den Arzt und Naturforscher Hugo Rühle von Lilienstern gesichert werden, andere wurden schon in den 1880er-Jahren bei Harras nahe Eisfeld entdeckt), weiß man heute von ihrer Existenz in anderen Gebieten Thüringens, in Oberfranken und weiteren Regionen Deutschlands. Die Chirotherien-Spuren ziehen sich durch Europa (nachgewiesen z. B. in Nordwestengland, in Frankreich, Italien) und reichen bis nach Nordamerika (z. B. Arizona) und Südamerika (Argentinien); auch einige jüngere Funde in Asien (China) und Nordafrika (Marokko) wurden dem Chirotherium zugeordnet. Aber kaum irgendwo sonst waren die Spuren so gut erhalten wie auf den im Steinbruch bei Heßberg gesicherten Sandsteinplatten. Kein Wunder also, dass sie bis heute als paläontologische Exponate in zahlreichen Museen und Einrichtungen Deutschlands (so in Berlin, Greifswald, Halle, Schleusingen) und weiterer europäischer Städte (u. a. in Haarlem, London, Paris, Stockholm und Wien) zu finden sind. 

(Größe der Fährtenplatte im Hintergrund 3x10 m)
(Größe der Fährtenplatte im Hintergrund 3x10 m)

Das Chirotherium-Monument in Hildburghausen und seine Entstehung

Am 12. September 2004 wurde in Hildburghausen das Chirotherium-Monument eingeweiht. Standort ist eine kleine Gasse links neben dem Rathaus, etwas zurückgezogen und nicht auf den ersten Blick vom Marktplatz aus sichtbar.

Vor einer rund 30 m2 großen Platte, die Abgüsse von 22 Sandsteinplatten mit Spuren des Chirotheriums barthii enthält, steht (man hat fast den Eindruck geht) die lebensgroße Rekonstruktion eines Chirotherium-Exemplars. Dieses Tier wird heute von der Wissenschaft als Archosaurier gedeutet, als eine der „Ahnenformen der Krokodile, der Vögel und auch der Dinosaurier", wie die Informationstafel verrät. Die Bronzeplastik hat eine Länge von 3,5 m und ist 1 m hoch. Sie erweckt die Zeit vor etwa 240 Millionen Jahren (Übergang vom Unter- zum Mitteltrias) wieder zum Leben, als solche Saurier hier und wahrscheinlich auch in vielen anderen Gebieten der Erde vorkamen. Offenbar haben sie aber am hiesigen Fundort der Fährten nicht gelebt, denn die Spuren signalisieren mit ihrem durchgehenden Verlauf, dass es sich nur um ein Transitgebiet, eine Art Durchquerungsraum, für sie gehandelt hat. Dafür spricht auch, dass man auf keine Skelette oder Knochen dieser Saurier gestoßen ist. Nicht zuletzt deshalb bleibt eine Rekonstruktion des Aussehens und der Beschaffenheit dieser Saurier ein Stück weit spekulativ, auch wenn die zahlreichen Spuren und die daraus ablesbare Bewegungsart viele anatomische Rückschlüsse zulassen.

Dass dieses Monument heute in Hildburghausen steht, ist u. a. ein Ergebnis der jahrzehntelangen wissenschaftlichen Arbeit des Hallenser Paläontologen Hartmut Haubold (*1941), der intensiv zu den Chirotherium-Fährten aus dem Buntsandstein Südthüringens forschte. Er bemühte sich besonders darum, eine Übersicht über die europaweit verstreuten Fragmente und Platten mit den „Handtier"-Spuren aus dem Heßberger Steinbruch zu gewinnen und den Zusammenhang der ursprünglichen Fährtenfläche wiederherzustellen. Dazu dokumentierte er die in mehr als 30 Sammlungen Europas verteilten Fährtenplatten (insgesamt 73 mit einer Gesamtfläche von rund 50 m2). 2003 war er von der Stadt Hildburghausen beauftragt worden, die wissenschaftliche Beratung bei der Errichtung eines Chirotherium-Monuments zu übernehmen. Seine Recherche zu den Platten ermöglichte es, eine repräsentative Darstellung des Aussehens und Verlaufs der Fährten des Chirotheriums barthii zeigen zu können. Die Anfertigung des Monuments (Abgüsse der Fährtenplatten, Zusammenbau der Fläche, Schaffung der Plastik) übernahm der Modellbauer M. H. Kroniger.

Mit dem Chirotherium-Monument ist Hildburghausen um eine Attraktion reicher geworden.  Die Kleinstadt verfügt nun über ein „geologisch-paläontologisches Pilgerziel" (Haubold). Vor allem aber können sich naturwissenschaftlich Interessierte jederzeit fossile Fährten und eine lebensecht wirkende Saurier-Plastik nebst sachkundigen Erläuterungen im Stadtzentrum ansehen und dabei eine Art Momentaufnahme der Urzeit erleben.  

*****
Quellen:
- Hartmut Haubold: Die Saurierfährten Chirotherium barthii KAUP, 1835 - das Typusmaterial aus dem Buntsandstein bei Hildburghausen/Thüringen und das „Chirotherium-Monument". Veröffentlichungen des Naturhistorischen Museums Schleusingen. Bd. 21, 2006, S. 3-31

- Ders.: Chirotherium barthii KAUP, 1835 - Rekonstruktion des Typusvorkommens. In: Geobiologie: 74. Jahrestagung der Paläontologischen Gesellschaft, Göttingen 02. bis 08. Oktober 2004, Kurzfassungen der Vorträge und Poster. Hrsg. von Joachim Reitner u. a. Universitätsverlag, Göttingen 2004, S. 101 f.

- Friedrich Sickler: Sendschreiben an J. F. Blumenbach über die höchst merkwürdigen, vor einigen Monaten erst entdeckten Reliefs der Fährten urweltlicher, grosser und unbekannter Thiere in den Hessberger Sandsteinbrüchen bei der Stadt Hildburghausen. Kesselringsche Hofbuchhandlung, Hildburghausen 1834

- Johann Jakob Kaup: Mittheilungen, an Professor Bronn gerichtet. Fussstapfen von Hildburghausen. Neues Jahrbuch für Mineralogie, Geognosie, Geologie und Petrefaktenkunde. Jahrgang 1835, Schweizerbart?s Verlagshandlung, Stuttgart 1835, S. 327 f.

 

 

Fotos:  Thomas Handschel

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