Thüringen Lese

Gehe zu Navigation | Seiteninhalt
www.thueringen-lese.de
Der Drachenprinz von Florian Russi
Florian Russi
Der Drachenprinz

Geschichten aus der Mitte Deutschlands, mit Zeichnungen von Dieter Stockmann, Bertuch Verlag Weimar 2004.

52 Erzählungen und neue Sagen aus Thüringen, darunter auch die nebenstehende Erzählung "Die Herkunft der Zwerge".
Die Herkunft der Zwerge

Die Herkunft der Zwerge

Florian Russi

Niemand konnte sich erklären, wo sie hergekommen waren. Helena, die Tochter des Bürgermeisters von Gräfenroda, hatte sie als erste gesehen. Sie waren klein, richtige Winzlinge, trugen spitze Hüte und verständigten sich untereinander mit seltsamen Lauten. Helena taufte die kleinen Wesen Zwerge. »Sswerge«, das waren die ersten Worte, die sie von ihnen gehört hatte. In der Sprache ihres Herkunftslandes bedeutete dies »Freundliche Menschen«. Das aber konnte Helena nicht wissen.

In den Wäldern um Gräfenroda hatten die Wichte sich kleine Hütten gebaut. Am Rande ihrer Siedlungen errichteten sie Köhleröfen, in denen sie Metalle zum Schmelzen brachten. Metalle aber förderten sie aus verwinkelten Höhlen und Schächten, die sie in die Erde gruben. Schon immer hatte es im Volksmund geheißen: »In den Bergen stecken Gold, Silber und Kupfer.« Niemand aber hatte eine Idee, wie man die edlen Mineralien zu Tage befördern konnte. Seit die Zwerge gekommen waren, konnte man es in der Umgebung von Gräfenroda ständig klopfen und hämmern hören. Die kleinen Fremdlinge waren geschickte Bergleute. Jeden Samstag erschienen einige von ihnen auf den Märkten und boten kunstvoll gefertigte Metallwaren und bunt glitzernde Steine an. Sie waren auch tüchtige Händler.

Die Herkunft der Zwerge - Zeichnung von Dieter Stockmann (eingefärbt)
Die Herkunft der Zwerge - Zeichnung von Dieter Stockmann (eingefärbt)

Eines Tages lernte Helena Selmon kennen und schloss mit ihm Freundschaft. Selmon war ein nicht mehr ganz junger Zwerg. Er hatte schon vieles erlebt und plauderte gerne darüber. Helena konnte jedoch nicht verstehen, was er ihr erzählte. Eines Tages brach sie auf, um ihn in seiner Hütte zu besuchen. Als Gastgeschenk hatte sie ihm einen Korb voller Äpfel mitgebracht.

Selmon bedankte sich mit vielen Gesten. Dann biss er in einen der Äpfel und verzog unwillkürlich das Gesicht. Doch bald schon lachte er wieder freundlich, denn er war ein höflicher Zwerg. Er stellte sich vor die sitzende Helena und rieb die Borte, die an der Spitze seines Hutes angebracht war, unter ihrem Kinn. Das kitzelte sehr, und jetzt war sie es, die lachen musste.

Als sie zum Heimweg aufbrach, gab ihr Selmon den Korb zurück, den sie mitgebracht hatte. Diesmal war er mit vielen leuchtend roten Früchten gefüllt. Nie hatte Helena solche zuvor gesehen. Neugierig steckte sie eine in den Mund und war verzückt. Wie kommt Selmon zu solch süßen und saftigen Früchten, fragte sie sich.

Bei ihrem nächsten Besuch übergab er ihr eine silberne Schale voll mit köstlichem Obst in verschiedensten Farben. Danach schenkte er ihr einen ausgestopften Vogel in buntestem Gefieder, dann ein Kleid aus erlesensten Stoffen, wundersame Dinge, die sie bis dahin nicht gekannt hatte.

»Woher kommt das alles?«, fragte sie ihn. Diesmal schien er sie zu verstehen, denn er winkte sie heran und nahm sie an der Hand. Dann führte er sie in eine Höhle, die über unzählige Stufen in die Tiefe führte. Viele Tage und Wochen waren sie unterwegs. Selmon war so gut gelaunt und fröhlich, dass Helena gar nicht auf den Gedanken kam, Angst haben zu müssen. Alles kam ihr wie ein schöner Traum vor. Sie stiegen die in die Berge geschlagenen Treppen hinunter, wanderten durch bizarre Tropfsteinhöhlen und schritten zwischen hohen Felswänden hindurch, die von brennenden Fackeln bebaut. Selmon ergriff zwei davon und übergab eine an Helena. Mehrmals gelangten sie an die Ufer unterirdischer Seen. Dann bestiegen sie eines der dort bereitliegenden Boote und ruderten viele Stunden lang über das stille Wasser. Unterwegs übernachteten sie in wohlausgestatteten Räumen mit vielen Kerzen, bequemen Liegen, buntfarbenen Tapeten und allerlei anderen Annehmlichkeiten. Immerzu war Selmon Helena ein ritterlicher und hilfsbereiter Begleiter.

Eines Morgens schimmerte Sonnenlicht zu ihnen in die Höhle. Da nickte Selmon der Bürgermeisterstochter freundlich zu und deutete an, dass sie ihrem Ziel nahe waren. Sie gelangten an ein offenes Felsentor und traten hinaus an die Erdoberfläche.

Strahlender Sonnenschein umgab sie. Vor ihnen lag ein Garten von unbeschreiblicher Schönheit. Ein milder Wind wehte und führte berauschende Düfte mit sich. »Ist dies hier das Paradies?« fragte Helena. Plötzlich tauchten weitere Zwerge auf und umarmten Selmon voller Überschwang. Dann umkreisten sie respektvoll und neugierig Helena, um anschließend an ihrem Kleid und ihren Fingern zu zupfen. Einer versuchte, sie an der Nase zu ziehen, doch seine Hand reichte nicht so weit. So beließen es alle beim freundlichen Lachen.

Eine Woche lang konnte sich Helena an ihr bisher unbekannten Speisen und Getränken laben. Sie lernte Pflanzen und Tiere kennen, die sie nie zuvor gesehen hatte. Vor allem aber erlebte sie eine herzliche, unverfälschte Gastfreundschaft. Als zur Rückkehr gerüstet wurde, forderte Selmon Helena durch Zeichen auf, zu bestimmen, was sie nach Gräfenroda mitnehmen wolle. Voll bepackt traten die beiden, diesmal unterstützt von hundert Zwergen, den Durchstieg durch die Erde an. Auf diese Weise kamen Kirschen, Mirabellen, Hühner, Feldhasen und eine Unzahl anderer schöner Lebewesen und Gegenstände nach Gräfenroda und von dort aus nach ganz Deutschland und Europa.

Zurück in ihrer Heimat stellte Helena Selmon die Frage, warum er und seine Freunde das schöne Land verlassen hätten, in dem sie zuvor gelebt hatten. Selmon verstand und zeigte erst auf einen der Erdschächte und dann auf den Wald. Also wollte er sagen: »Bei uns zu Hause gab es keine Metalle mehr zu schürfen und auch nicht genug Holz, um sie zu verhütten.« Das sah Helena sofort ein, und sie bemühte sich fortan, die Sprache der Zwerge zu verstehen. Auch darin wurde Selmon ihr ein geeigneter Lehrmeister.

Inzwischen waren die Behörden auf die Zuwanderer aufmerksam geworden. Erst schickte der Landgraf einen heimlichen Kundschafter, dann einen Mann namens Diethard, seinen besten Steuereintreiber. Helena wurde als Dolmetscherin verpflichtet. »Ihr müsst, wie alle Untertanen des Landgrafen, Steuern entrichten, und zwar, wie es üblich ist, die Hälfte dessen, war ihr erwirtschaftet habt und besitzt.« Die Zwerge dachten zunächst, dass Helena falsch übersetzt hätte. Dann schüttelten sie ihre Köpfe und antworteten: »Warum will der Landgraf etwas von uns? Wenn er Gold und Silber besitzen möchte, kann er es selbst aus der Erde holen. Warum sollen wir das für ihn tun?«

»Damit er Zeit hat, über das Land und seine Menschen zu regieren«, antwortete Diethard, der Steuereintreiber. »Wir wollen nicht, dass er über uns regiert«, entgegneten die Zwerge im Chor. »Wenn wir ihm jährlich die Hälfte dessen geben müssen, war wir besitzen, so heißt das, dass wir schon bald selbst nichts mehr haben werden. Gold, Silber und Kupfer schürfen wir aus der Erde. Irgendwann werden die Vorräte zu Ende sein, denn Metalle vermehren sich nicht wie Schweine und Ziegen. Wenn wir ihnen kein Geld mehr anbieten können, geben uns die Bauern nichts zu essen. Ist der Landgraf dann bereit, unseren Hunger zu stillen?«

»Solltet ihr euch weigern, Steuern zu bezahlen, wird er euch bestrafen«, gab Diethard zur Antwort. Den Zwergen stieg die Zornesröte in die Wangen und sie riefen: »Genau umgekehrt müsste es sein. Der, welcher anderen etwas wegnimmt, hat es verdient, bestraft zu werden.«Jetzt war‘s der Steuereintreiber, dem das Blut zu Kopf stieg. Er drohte damit, schon bald mit einem Heer von Soldaten wiederzukommen. Da zogen die Zwerge sich in den Wald zurück, um die Lage zu beraten. Selmon ergriff als erster das Wort und erklärte: »Es scheint mir, dass die Regierenden um so unverschämter werden, je mehr Steuern sie einzunehmen trachten.«

Noch in der folgenden Nacht verschwanden Selmon und seine Freunde so schnell und unmerklich, wie sie gekommen waren. In Erinnerung an sie werden noch heute in Gräfenroda ihre Abbilder lebensecht nachgebildet.


-----

Text und Zeichnung aus: Florian Russi, Der Drachenprinz, Bertuch Verlag Weimar 2004,
ISBN: 978-3-937601-08-3