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Goethe hat ihn bewundert
Der Musikkenner und international geachtete Literaturwissenschaftler Horst Nalewski erzählt von dem außergewöhnlichen Aufeinandertreffen und Zusammenwirken zweier Künstler.
Bergern - Johann Wolfgang von Goethe - 2 Irrtümer (2)

Bergern - Johann Wolfgang von Goethe - 2 Irrtümer (2)

Wolfgang Müller

2. Irrtum

 

Der zweite Irrtum bezüglich Bergern und Johann Wolfgang von Goethe hat sich viele Jahrzehnte in der Überlieferung historischer Ereignisse gehalten.
Noch zur Bergerner Flur gehört die ehemalige Ausflugsgaststätte Rauschenburg an der Bundesstraße 85. Ihr gegenüber steht ein großer Monolit, der zwar als „Müfflingstein" bekannt ist, gleichzeitig wurde er von Heimatforschern und Bevölkerung als Goethes „Tischlein deck dich" bezeichnet. Goethe soll bei seinen vielen Besuchen in Bad Berka auf der Durchfahrt in den Thüringer Wald des öfteren dort gefrühstückt haben.
So schreibt Ernst Leißling in seinem Buch „Das mittlere Ilmtal" (1966):
„So oft Goethe, der sich jedes Jahr einige Wochen in Bad Berka aufhielt, an den Müfflingstein kam, ließ er - so erzählt Eckermann - halten, nahm einen Imbiß ein und erfreute sich am Anblick des Tales und der sich im Grund dahinschlängelnden Ilm. Auf diese Weise kam der Stein zu seinem zweiten Namen „Goethes Tischleindeckdich"."
Auch der Weimarer Fotograf Ernst Schäfer, der die Fotos in besagtem Buch anfertigte, ging vermutlich von dieser Bedeutung des Steins aus.

Müfflingstein
Müfflingstein
Wie kam es aber nun zu dem Namen „Müfflingstein"?
Friedrich Carl Ferdinand Freiherr von Müffling, Spross einer in Thüringen beheimateten Adelsfamilie, war ab 1807 am Weimarer Hof tätig. Als Leiter des „Civil- und Wegebaudepartements" wurde er mit der Trassierung und dem Bau der Straße von Weimar nach Bad Berka beauftragt.
Genaueres dazu kann man beim Stadtchronisten Bad Berkas, Ludwig Häfner nachlesen, der in seiner Veröffentlichung „Eine Straße hat Geburtstag - Zur Geschichte der B 85 zwischen Weimar und Bad Berka" ausführlich Müfflings Wirken beschreibt. Im Frühjahr 1807 begann der Bau und die 250 Beschäftigten aus ganz Thüringen waren arbeitslose Frauen und Männer. Aus heutiger Sicht kann man diesen Einsatz als riesige ABM-Maßnahme bezeichnen. Die Arbeiter wohnten an der Baustelle zum Teil in Laubhütten, die sie selbst errichteten.
Durch die ständigen Kriegslieferungen an das französische Militär als Besatzung war die Versorgung der Arbeitskräfte sehr kompliziert. Es ist überliefert, dass sich Müffling persönlich für die Bereitstellung von Lebensmitteln einsetzte und seine Arbeiter somit vorrangig versorgt wurden. Als Dank setzten ihm die Arbeiter nach Fertigstellung der Straße einen Gedenkstein. Der Berg an der Rauschenburg wurde im Volksmund zum „Müffling" und der Stein zum „Müfflingstein".
Gedenktafel Müfflingstein
Gedenktafel Müfflingstein
Dass Goethe an dieser Stelle gefrühstückt haben soll, ist sicher der Tatsache zu verdanken, dass man früher von dieser Stelle einen wunderbaren Blick in das Ilmtal genießen konnte.
Es blieb Ludwig Häfner vorbehalten, die Fehlinterpretation von Eckermann aufzuklären. In seinen „Gesprächen 1823-1827" berichtete Eckermann von einer Fahrt mit Goethe am 24. September 1827 nach Bad Berka. Häfner schreibt:
„Er erwähnte in seiner Beschreibung auch die Überfahrt 'über eine hölzerne, mit einem Dach überbaute Brücke?. Weiter schreibt er: ´Etwa eine Wurfsweite über die Brücke hinaus, wo die Straße sich sachte an den Hügel hinanhebt? ließ Goethe halten und auf einem ,viereckigen Steinhaufen wie sie an den Chausseen zu liegen pflegen? wurde ein Frühstück bereitet.
Zunächst musste man annehmen, Eckermann habe sich mit der Beschreibung einer überdachten Brücke auf dieser Straße geirrt, war doch solch ein Bauwerk nur von Buchfart bekannt. Eckermann hatte aber Recht. Beim Straßenneubau über den Hengstbach, der sein Wasser durch das gleichnamige Tal nach Hetschburg führt (kurz vor dem heutigen Bahnübergang Legefeld), war eine überdachte Holzbrücke errichtet worden. Eine „Wursfweite", gemeint ist ein Steinwurf von dieser Brücke entfernt, an der Auffahrt zum Buchholz, haben beide dann wohl gerastet, ihr Frühstück eingenommen und sich am herrlichen Blick in das Hengstbachtal erfreut."
Von der Brücke ist heute nichts mehr zu sehen und auch der Steinhaufen ist weg.
Man mag deshalb heute den Schriftstellern verzeihen, die das „Tischleindeckdich" an die Rauschenburg verlegt haben. Vermutlich war der Ort damals schon so wenig einladend, wie er heute erscheint.

 

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Bildquellen: Ernst Leißling: Das mittlere Ilmtal. Rudolstadt 1966, S. 156.
                © Wolfgang Müller