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Niederburg und Oberschloss

Niederburg und Oberschloss

Florian Russi

In der Geschichte von „Niederburg und Oberschloss" im thüringischen Kranichfeld fängt Florian Russi, der sich viele Jahre als Dozent mit Kommunikationsforschung und Gruppendynamik befasst hat, ein Problem von gesellschaftlicher Abgrenzung und Gruppenbildung auf. In letzter Zeit haben sich nicht nur Psychologen wie Muzafa Sherif, sondern auch Mathematiker wie Steven Strogatz mit diesem Phänomen auseinandergesetzt. Russis literarische Bearbeitung ist eine gut zu lesende, plastische und einleuchtende Darstellung des Themas.

Uta Plisch

 

Niederburg und Oberschloss

Wir hier, ihr dort

 

In Kranichfeld herrschte in früheren Zeiten der Ritter Gernot. Mitten im Ort, auf einem Hügel an der um gelegen, stand seine Burg. Vor hier aus kontrollierte er die Handelsstraße, die von Ilmenau nach Weimar, Jena und Apolda führte. Neben Steuern und Abgaben von Bauern und Handwerkern bildeten Wegzölle die wichtigste Einnahmequelle des kleinen Staatsgebildes. Von diesen Einkünften lebten Gernot und sein Gesinde bescheiden, aber auch in großer Eintracht.
Eines Tages kam von weit her eine Gesellschaft von Knappen und Gesellen vorbei geritten und weigerte sich, den geforderten Wegezoll zu zahlen. Als die Wachmannschaft auf der Zahlung beharrte, überrannten die Fremdlinge kurzerhand die Burg und steckten Teile davon in Brand.
Ritter Gernot rief daraufhin seine Gefolgsleute zusammen und sagte: »Meine Feste liegt ungeschützt im Tal. Ich werde auf dem Kranichberg eine weitere bauen. Von der aus lässt sich die Gegend besser überwachen, und wegen ihrer Höhenlage wird sie nicht so einfach zu belagern sein wie die bisherige.«
Sofort ging er ans Werk. In zwölf Jahren errichteten ihm Handwerker und zur Fron verpflichtete Bauern eine zweite Burg. Wegen ihrer erhöhten Lage und aufwendigen Bauweise wurde sie bald das »Oberschloss« genannt. Die bisherige aber bekam wegen ihrer Lage im Tal die Bezeichnung »Niederburg«. Diese Namen blieben bis heute erhalten.
»In Zukunft soll die Niederburg Zollstation, Gerichtsort und Anlaufstelle für rat- suchende Bauern und Handwerker sein«, erklärte Gernot. »Vom Oberschloss aus werde ich mein Land schützen und verwalten.« Dementsprechend wies er seinen Gefolgsleuten Aufgaben und Verpflichtungen zu. Dann verteilte er sie mitsamt ihrem Anhang auf die beiden Gebäude. Es dauerte nicht lange, da wurden sie nach ihren Arbeits- und Wohnorten als »Niederburger« beziehungsweise »Oberschlössler« unterschieden.
Nachdem alle sich eingerichtet hatten, kam im Auftrag Gernots ein Knappe mit Namen Tillmann vom Oberschloss zur Niederburg geritten. Er sollte prüfen, ob dort die Sicherheitsvorschriften eingehalten wurden. Es galt, einem erneuten Überfall auf die Burg vorzubeugen.
Widerwillig führte der Burgvogt den Knappen durch das Gebäude. Einige Räume sparte er dabei aus, da die dazu erforderlichen Schlüssel angeblich nicht auffindbar waren.
Als Tillmann wieder zum Oberschloss zurückgeritten war, gab es in der Niederburg einiges zu bereden. Anmaßend aufgetreten sei er, so befanden die Bewohner beim gemeinsamen Mittagsmahl. Warum war der Knappe den kurzen Weg nicht zu Fuß, sondern zu Pferd gekommen? Warum wollte er zur Mittagszeit wieder zurück auf dem Berg sein? Gab es dort ein besseres Essen? Außerdem hatte man sehen können, dass Tillmann faule Zähne hatte. So war auch schnell geklärt, warum den Burgvogt ein übler Geruch begleitet hatte, während er mit ihm durch die Räume gegangen war.
Wenig später hielt Ritter Gernot eine Gerichtssitzung ab. Angeklagt waren zwei Gefolgsleute, die jeweils auf einer der beiden Burgen tätig waren. Den Niederburger sprach der Ritter frei, den Oberschlössler ließ er ins Verlies werfen. Da wurden die Oberschlössler wütend auf Gernot, und sie raunten sich zu: »Er bevorzugt die aus dem Tal, weil er volkstümlich sein will. An uns stellt er höhere Anforderungen, behandelt uns aber weniger gerecht.«
Schon bald danach hätten die Oberschlössler Genugtuung finden können. Hartnäckig hielt sich das Gerücht, dass die Zolleinnahmen auf der Niederburg nicht ordnungsgemäß abgerechnet worden seien. Wer auch immer da in die eigene Tasche gewirtschaftet hatte - die angegebenen Einkünfte standen in keinem Verhältnis zur Zahl der reisenden Kaufleute, die man vom Kranichberg aus hatte zählen können. Doch schon wieder musste man dort feststellen, dass Gernot es sich nicht mit denen im Tal verderben wollte.
Der Wachmann, der die Einnahmen der Zollstation abzurechnen hatte, konnte mit eigenen Augen sehen, wie einige Oberschlössler bei Sonnenschein im Vorhof saßen und nicht ans Arbeiten dachten. Gleichzeitig erwarteten sie von der Niederburg ständig steigende Abgaben. Für ihre Faulheit wurden sie auch noch besser entlohnt als die, welche sich im Tal täglich mühen mussten.
Die auf dem Berg kamen ihrerseits dahinter, dass in der Niederburg zunehmend Unmoral um sich griff. Einige Knappen trieben es mit den Frauen und Töchtern anderer. Einmal, so hieß es, habe man nachts ein Kebsweib, also eine Hure, eingelassen und reihum mit ihr Unzucht getrieben.
Umgekehrt waren die aus dem Tal - fast - sprachlos darüber, wie schnell die Oberschlössler ihr mit so viel Mühe errichtetes Gebäude wieder verkommen ließen. Von vielen Mauern bröckelte der Putz ab. Auf den Dächern bildeten sich Moose. Farben verblassten, und Fließen, die sich gelockert hatten, wurden nicht neu verfugt.
Ungleich schwerer wog, was auf dem Oberschloss die Runde machte: Heimlich hatten sich einige Niederburger mit Vertrauten des Grafen von Henneberg getroffen. Unverhohlen hatten sie vorgeschlagen, gemeinsam den Kranichberg zu stürmen und Ritter Gernot aus dem Amt zu jagen. Gernot ging den Berichten nach, ließ sich aber wieder einmal von den Niederburgern beschwichtigen.
Eines Tages fiel eine junge Frau vor dem Ritter auf die Knie und jammerte: »Mein Vater will mir nicht erlauben, den Knappen Gunter zu heiraten. Gunter ist in der Zollstation beschäftigt, mein Vater beim Wachdienst auf dem Oberschloss. >Komme mir nicht mit einem Niederburger<, hat er zu mir gesagt.«
Jetzt wurde Gernot klar, dass er handeln musste. Er ließ ein Turnier veranstalten, bei dem sich die Bewohner beider Burgen zum friedlichen Wettbewerb treffen und ihre Kräfte messen sollten. Sieger des Turniers wurden die Oberschlössler. Im Tal war man vergrämt, aber nicht verwundert. Hatte man auf dem Berg doch ausreichend Zeit gehabt, sich auf die Kämpfe vorzubereiten. Dort war ja sonst nur wenig zu tun. Im letzten Moment konnte verhindert werden, dass ein Niederburger aus Rache und Enttäuschung das Oberschloss in Brand setzte.
Inzwischen hatten sich auch zwei Jugendbanden gebildet, die sich nach ihrer Herkunft in derber Art gegenseitig als »Niederbügler« oder »Oberscheißer« bezeichneten. Immer häufiger kam es zwischen ihnen zu Prügeleien. Schließlich war ein Toter zu beklagen. Gernot rief seine Berater zusammen, um zu überlegen, was jetzt zu tun sei.
Dann gab der Ritter den Befehl, das Oberschloss zu erweitern und ordnete an, dass die Niederburg nur noch als Zollstelle, Stallung und Gerätelager genutzt wurde. Alle Bediensteten und ihre Familien mussten aufs Oberschloss ziehen. Niemand durfte mehr auf der Niederburg wohnen, essen oder sich länger als notwendig dort aufhalten. Bauern und Handwerker hatten sich nun mit ihren Anliegen den Kranichberg hinauf zu bemühen. Sie beklagten es, aber fügten sich.
Noch viele Jahre danach erklärten sie sich das Verhalten manches Schlossbewohners damit, dass er ja eigentlich von der Niederburg stamme.

 

Text aus: Florian Russi "Der Drachenprinz", 2004 Bertuch Verlag

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